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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #700 vom 11.01.2011
Rubrik Feature

Es war einmal... die Gegenwart: "Es gibt kan Gott", oder: "Hoffnung für alle" - die 00er Jahre, Teil 1

»Entspannte Leute, feuchtfröhliche Partystimmung und Lieder zum Mitsingen. Mit etwas Glück tanzt das Partyvolk auf Mallorca und in deutschen Discos bald zu Ihrem Schlagertext. Versuchen Sie sich im Hits schreiben.« (Einleitungstext zur Anleitung "Schlagertexte – so schreiben auch Sie einen Hit")

»Kaum ist der Superstar gefunden, werden nun die Popstars gesucht. Aber anstatt Deutschland mit Castingevents zu überziehen ist man ganz modern und nutzt das Web. [...] Mal sehen was bei rauskommt. Vielleicht hält die neue Band ja bis zur zweiten Single durch.« [sic] (Einleitungstext zur Anleitung "Popstar werden ist einfacher denn je")

»I want you/ And only you and only you, my love/ I need you/ And only you and only you, my love« (Sparks: "I Can't Believe That You Would Fall For All The Crap In This Song")

»I'll be smiling/ when I say goodbye to you« (K.C. McKanzie "DryLand")

»Bliebe noch die Gegenwart übrig. Und die hat jede/r selbst zu ertragen«, hieß es an dieser Stelle vor ziemlich genau 10 Jahren. So widersprüchlich, undifferenziert, streckenweise emotionslos, in vielen Belangen belanglos und fast immer ohne originäres Soundgefühl die 1990er Jahre durch die diversen Musiklandschaften zogen, so widersprüchlich, undifferenziert, streckenweise emotionslos, in vielen Belangen belanglos und fast immer ohne originäres Soundgefühl ging auch das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts vorbei. Quasi sang- und klanglos. Einerseits. Andererseits ist diese Aussage ganz und gar nicht zutreffend, da ja tagtäglich weiterhin enorm viel hörenswerte Musik produziert und veröffentlicht wird, die guten Gewissens als entdeckenswert eingestuft werden kann. Nur: Wer erinnert sich noch an die musikalischen Highlights der jüngeren (mitunter sogar jüngsten) Vergangenheit?
Das Jahrzehnt fing jedenfalls (wieder einmal) außergewöhnlich gut an. Am Scheideweg zwischen 20. und 21. Jahrhundert erschien das retrospektiv-futuristische Country-Soul-Spektakel "Nixon" von Lambchop. Ein in sagenhaft bombastisch eingehüllte Breitwandklangorgien verzärteltes, verrückt spinnendes Album für ein aufgewecktes Publikum, das bereit ist, mit Kurt Wagner und seiner (auch personell) großen Band ellenlange Fahrten durch farbenprächtige Soundlandschaften mit Soul-Pastiche zu unternehmen. Eine Band zudem, die tatsächlich wie kaum eine andere Band die Musikgegenwart widerspiegelt(e), ganz einfach deshalb, weil Lambchop bis dahin ein Kollektiv an Musikern mit 'normalen Brotjobs' war. Eine Tournee von Lambchop bedeutete für die Musikanten also auch viele Urlaubstage in Anspruch nehmen, und erst der kommerzielle Erfolg von "Nixon" (2000) änderte diese Situation. 2002 folgte mit "Is A Woman" eines meiner Lieblingsalben dieses Jahrzehnts. Minimalismus wie er anregender und aufregender in dieser Dekade nicht zu Gehör gebracht werden konnte. »Und hinter meiner Stirn«, schrieb Ute Trautner in der Schallplattenmann-Kritik, »nicken die Frauen aus Edward Hoppers Gemälden zustimmend mit dem Kopf.«
Wie bereits erwähnt, das Jahrzehnt fing vielversprechend an, und es trudelten auch weiterhin jede Menge gute Alben ein, die, oft nur maximal eine Woche lang mit Begeisterung gehört, rasch in Vergessenheit gerieten, da erneut ein Stapel gleichwertiger Musik auf meinem Tisch landete, die zumeist eine Art Blaupause irgendwelcher Musikheroen aus mehr oder weniger ferner Vergangenheit waren. Und irgendwann stellte ich mir die Sinnfrage: Wozu soll ich mir eine Band wie Franz Ferdinand anhören, die so offensichtlich von The Kinks und The Beatles bis hin zu Sparks, Talking Heads und XTC abkupfern? Anders herum gefragt: Stecke ich in der Midlife-Musicrisis oder laboriert die Musik an sich an Altersschwäche? Keith Richards liefert in seiner Autobiografie "Life" (2010) die Anregung zu einer möglichen Antwort: »Irgendwann wurde er [Mick Jagger] unnatürlich. Er vergaß, wie gut er auf kleinem Raum ist. Er vergaß seinen natürlichen Rhythmus. [...] Was die anderen machten, fand er viel interessanter als das, was er selbst tat. Er begann sogar, sich wie ein anderer zu verhalten.«
Aber es gab doch auch einige Debüt-Alben, die regelrecht erstaunten, wie z.B. "Parentheses Of Antitheses - Pandora or The Unbending Dualism In Me" (2009) von Irmie Vesselsky, "Pretty Boys & Ugly Girls" (2007) von Agnès Milewski, oder "Try Me" (2010) von Meena. Die drei genannten stammen allesamt aus Österreich, klingen aber keineswegs nach Alpenprovinz, sondern nach der großen, weiten Welt. Meena singt den Blues und Soul, während die Musik von Irmie und Agnès garantiert auch Fans von Kate Bush und Tori Amos erfreut.
Diese Qualität gibt es freilich auch von Deutschland aus, z.B. bei K.C. McKanzie ("The Widow Tries To Hide", 2006; "Hammer & Nails", 2008; "DryLand", 2009) mit Songmaterial, das aus einer versunkenen Zeit zu stammen scheint, mit Geschichten über Menschen, irgendwo an der Kante zwischen Mythos und Realismus, Dunkelheit und Abgrund schwebend. Noch eine aus Deutschland fällt mir ein, deren Musik es mir besonders angetan hat: Julia A. Noack ("Piles & Pieces", 2007; "69.9", 2010). Noack setzt auf starke Melodien und große Refrains im breiten Umfeld von Country-Folk-Rock und verzichtet dabei nicht auf Soundexperimente. Wer davon nicht genug bekommt, sollte sich unbedingt auch die Musik von Jolie Holland ("Catalpa", 2003; "Escondida", 2004; "Springtime Can Kill You", 2006), Gillian Welch ("Time (The Revelator)", 2001) und Neko Case ("The Tigers Have Spoken", 2004; "Middle Cyclone", 2009) zu Gemüte führen.
Zumindest in Österreich wäre eine derart prinzipielle internationale Konkurrenzfähigkeit vor einem Jahrzehnt (von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen) nicht denkbar gewesen. Blöd nur, dass so etwas kaum jemand mehr mitbekommt, weil sich die Musikindustrie auf alles Mögliche konzentriert, nur leider nicht mehr darauf Künstler aufzubauen.
Was lernen wir daraus? Selbstsuche ist angesagt. Finde und entdecke. Das Internet hilft dabei natürlich maßgeblich, seinen eigenen und ganz persönlichen Lieblingsmusiker jenseits sämtlicher Major-Labels und Formatradiostationen ausfindig zu machen. Du willst Singer-Songwriter von den Färöer Inseln, Reggae im Wiener Dialekt, Jazz-Gesang aus Vietnam hören? Bitte schön, gibt's eh alles, in allen erdenklichen Qualitäten und Variationen. Der Singer-Songwriter von den Färöer Inseln hat natürlich einen Namen: tEituR heißt der Sänger mit dem Bubengesicht. Mit "Stay Under The Stars" (2006) zauberte er ein höchst formidables Album hervor. Mit wunderbaren Melodien und abstrakten wie konkreten Song-Gemälden formuliert er das Genre der Liedermacher zwar nicht neu, setzt aber doch Akzente, und manchmal rutscht er sogar in die Dunkelheit eines Nick Drake hinab.
Er steht in einer Reihe mit den verlorenen Prinzen der zeitgenössischen Popmusik, also mit Rufus Wainwright (u.a. "Want One", 2003) und mit Teddy Thompson ("Separate Ways", 2006), den Söhnen von Loudon Wainwright III und Kate McGarrigle bzw. von Richard und Linda Thompson. Auf dem Soundtrack zum Oscar-prämierten Kinofilm "Brokeback Mountain" singen Rufus und Teddy im Duett den Klassiker "King Of The Road" (einem Original von Roger Miller aus dem Jahr 1964; weitere Versionen gibt es u.a. von George Jones, Dean Martin, R.E.M.), so wie halt auch schon ihre Eltern gemeinsam musizierten. Rufus Wainwright erreichte als einer der ganz wenigen in diesem Jahrzehnt nicht nur eine unverwechselbare Handschrift, sondern ihm gelang auch durch die Verschränkung von Oper, Broadway, Folk und Rock tatsächlich eine ähnlich originäre Richtung wie seinerzeit Tom Waits, als er Trombone mit Swordfish verknüpfte. Die Musik von Rufus ist eigenwillig, gewöhnungsbedürftig, sperrig, melodisch und rhythmisch, melancholisch und romantisch.
Und weil bereits einige Namen aus der älteren Musikergeneration fielen, die mit ihren spärlich gesäten neuen Alben mitunter »das mitergraute, zu Dentisten, Brokern, Metzgern, Bankern, Rechtsanwälten und Urologen mutierte Publikum aus ehemaligen Hippies ansprechen«, wie es Ulrich Chaussy vom Bayerischen Rundfunk in der Episode "Länger arbeiten im Alter" zu formulieren wusste – einiges davon hatte auch in den 00er-Jahren ziemlich viel Würze.
Überraschend zunächst einmal war die Veröffentlichung von "Aerial" (2005). Kate Bush ließ sich damit ganze zwölf Jahre Zeit, singt in den schwächsten Momenten von Waschmaschinen, aber ansonsten gilt: Von ihr lasse ich mir sogar die Pi-Zahlen gerne vorsingen (aus dem Telefonbuch vorzusingen hat sie aber dann doch gelassen). Sal Pichireddu schrieb richtigerweise in der Schallplattenmann-Kritik: »Diese Kate Bush ist auf der Höhe ihrer Zeit und gleichzeitig richtungsweisend.« Und: »Stillstand? Nein, auf keinen Fall Stillstand. Bestätigung, Neuschöpfung, eben eine Quintessenz – aber verdichtet, verfeinert.«
Lange Zeit gelassen hat sich auch J.J. Cale mit "To Tulsa And Back" (2004), nämlich acht Jahre. In der Rezension auf Kulturwoche.at schrieb ich damals »Mit feinen Nuancen und kleinen Veränderungen [bewirkt er] Großes«, und ich bezeichnete es zudem als "Das Album des Jahres". Passt. Über sein 2009 veröffentlichtes Album "Roll On" resümierte ich an gleicher Stelle: »Als besonderes Bonmot wäre zu vermerken, dass (drei Lieder ausgenommen) J.J. Cale das Album im Alleingang aufnahm, also nicht nur die Gitarre bediente, sondern alle anderen Instrumente ebenfalls. Zwölf Lieder sind es insgesamt geworden, hören kann man das Album den ganzen Tag lang, ohne dass es einem fad wird, wobei man irgendwann quasi automatisch auch zu seinen älteren Alben zurückgreift und kurzerhand J.J. Cale-Musiktage einführt«, und schlussfolgerte, dass ihm der diamantene Sheriff-Stern als beste One-Man-Band der Welt gebührt. Bernhard Sauer wiederum verglich "Roll On" mit Cales frühem Meisterwerk "Really" und schrieb im Schallplattenmann: »[...] unprätentiöser Sound, hinter dem aber sicherlich jede Menge harte Arbeit und das geradezu magische Getüftel des gelernten Toningenieurs J.J. Cale steckt. Keine offensichtlichen 'Hits'. Jeder Song aber trägt zum originellen Flow des Albums bei. Und zu etwaigen Krittlern: Keiner wirft Originatoren wie beispielsweise B.B. King vor, dass sie immer nur ihr Ding machten – und in diese, leider aussterbende Liga gehört Cale.« In dieser Tonart könnte man nun über J.J. Cale seitenweise weiterschwärmen, schlechte Kritiken heimsen andere ein, er kaum jemals.
Bleiben wir gleich beim Stichwort 'aussterbende Liga'. Unermüdlich zu Werke und als immer noch relevant erweisen sich die Brüder Ron Mael und Russell Mael aka Sparks, die mit ihren Alben Nummer 19, 20 und 21, "Lil' Beethoven" (2003), "Hello Young Lovers" (2006) und "Exotic Creatures Of The Deep" (2008), eine geradezu gigantomanische Trilogie veröffentlichten. Im Londoner The Forum absolvierten die Brüder im Jahr 2008 darüber hinaus eine monumentale Auftrittsreihe. Sämtliche 21 Alben standen dabei an 21 Abenden am Programm. Die Sparks waren in ihren mittlerweile gut 40 Dienstjahren immer wieder mal der Zeit voraus, und vor allem "Hello Young Lovers" kann man nicht hoch genug einschätzen. Eine absurde Achterbahnfahrt mit hundertfachen Gesangsspuren, einer gewohnt hohen Textdichte mit Lacheffekten, mit einer kaum überbietbaren Liedperfektion, unglaublichen Harmonien und Melodien, gewürzt mit zahlreichen Hommagen, aber auch Satiren, »oft fiebrig und exaltiert, immer drängend und ausschweifend, meistens elegisch und manchmal fast ruhig«, wie Manfred Schiefer in der Schallplattenmann-Kritik schrieb.
Und auch Bob Dylan gelangen große Würfe. Gleich zu Beginn des Jahrzehnts mit "Love And Theft" (2001), ein paar Jahre drauf mit "Modern Times" (2006). Im Gegensatz zu Sparks, die scheinbar immer schneller als die Zukunft sein wollen, spielt der Mann mit der Maske alte Lieder in neuen Texten, erzählt alte Stories in neuen Songstrukturen, was sich an manchen Stellen ziemlich verschroben anhört. "All songs written by Bob Dylan" heißt es im Innencover von "Love And Theft". Aber woher kommen die Songs wirklich? Schreitet bei ihm die Zeit rückwärts, um in die Zukunft zu gelangen? Endet alles in der Unendlichkeit? »Where do you come from, where do you go?/ Sorry, that is nothing you would need to know...«, singt Dylan in metaphernlos weiser Manier, die Sparks antworten ihm mit »A metaphor is a glorious thing/ Use them wisely, use them well/ And you'll never know the hell of loneliness«, während Helge Buttkereit in der Schallplattenmann-Kritik eine weitere Antwort parat hatte: »[...] durch die Liebe kommt Erlösung. Dieser späte Dylan ist durch und durch christlich. Liebe und Vergebung sind auf "Modern Times" immer wieder das große Thema.« Der durch und durch christliche Dylan veröffentlichte 2009 ein weiteres, jedoch nur mittelmäßiges Album mit neuen Songs, sowie ein Weihnachtsalbum, das dem Titel "Christmas In The Heart" mehr als gerecht wurde und stiftete die Verkaufserlöse dem World Food Programme.
Fast schon belanglos hingegen die sechs 00er-Jahre Studio-Alben und das eine Live-Album von Van Morrison. Da muss ich mich leider revidieren, egal ob bei "Down The Road" (2002), "Magic Time" (2005) oder "Keep It Simple" (2008), um nur die drei interessantesten herauszupicken – all diese Alben sind wie die Filme von Woody Allen aus dem gleichen Zeitraum: Man sieht/hört es, unterhält sich gut und vergisst sie gleich wieder. Ungleich schlimmer leider seine Live-Konzerte, wie z.B. jenes im Jahr 2006 in Wien: »Ich war in gewisser Weise traurig über seine Gelangweiltheit, obwohl die Magie zum Greifen nahe war, und noch mehr bedauerte ich, dass er aus dieser Langeweile offenbar nicht raus findet«, so mein Resümee auf Kulturwoche.at. Eine wahre Augenweide und Ohrgasmus hingegen die Veröffentlichung von "Live At Montreux 1980/1974" im Jahr 2007. Hier hört man sehr genau, warum Van Morrison zu den ganz Großen in der Musikgeschichte zählt. Diese Doppel-DVD »transportiert jene reine Kraft und Magie«, wie Bernhard Sauer im Schallplattenmann schrieb, »eine fast heilig-spirituelle Atmosphäre, die Live-Musik vor der endgültigen Kommerzialisierung und Visualisierung durch Video-Clips und ihrer Verdammung zum Bedeutungsverlust durch Allgegenwärtigkeit einmal hatte.«
In diesem Jahr erschien auch ein neuer, verdammt guter, Longplay von Loudon Wainwright III, nämlich "Strange Weirdos". Erarbeitet und produziert mit Joe Henry, kann man vor der Umsetzung dieser prächtigen Songs (u.a. mit Richard Thompson, Greg Leisz, Van Dyke Parks) nur atemlos und voller Demut den Hut ziehen. Für mich war es das Album des Jahres 2007, für Bernhard Sauer handelte es sich um eine »Katharsis für uns seltsame Spinner, die wir Menschlein nun mal sind – ob wir wollen oder nicht.« An einer Stelle singt LWWIII »Doin' the math is just a mistake/ When life's almost over it's a heartbreaker/ The people you knew are all starting to die/ And you're in that crew and you're wondering why«, und liefert somit an dieser Stelle die Überleitung zu jenen Musiker/innen, die in den 00er-Jahren das Diesseits verließen.
– Aber darüber nächste Woche mehr... [mh]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


URL: http://schallplattenmann.de/a119421


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http://schallplattenmann.de/artikel.html
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