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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #701 vom 18.01.2011
Rubrik Feature

Es war einmal... die Gegenwart: "Es gibt kan Gott", oder: "Hoffnung für alle" - die 00er Jahre, Teil 2

»O Death, where is thy sting/ O Grave, where is thy victory« (Johnny Cash "I Corinthians 15:55")

»Why slow down? Let's party for the rest of the night!« (Warren Zevon "The Rest Of The Night")

»Tatsächlich zitiert er seitenlang Griechisch/ aus der Odyssee, und außerdem/ erklärt er beim Grappa in Frankies Bodega/ das Schrödinger-Gleichungs-Quantenproblem« (Franz Josef Degenhardt "Digitaler Bohemien")

»And I wish I had some whiskey and a gun, my dear.« (Tom Waits "Circus")

»Die wesentlichen Dinge passieren noch immer analog.« (Ringsgwandl "Analog")

»Vielleicht sollten die Herren mal darüber nachdenken, ob so ein lebendiger Mitschnitt und die filmische Huldigung von Scorsese nicht ein gutes Schlusswort wären«, schrieb Dirk-Michael Mitter über den Soundtrack von "Shine A Light" (2008) der herbstzeitlosen Rolling Stones. Der Ruf nach (Zwangs-) Pensionierung wurde in verschiedenen Musikfeuilletons immer wieder thematisiert. Keith Richards wehrt sich in seiner Autobiografie "Life" vehement dagegen: »Aber dieses Wort: "Ruhestand". Ich kann mich erst zur Ruhe setzen, wenn ich den Löffel abgebe. Immer diese Nörgelei, dass wir alte Männer sind. Tatsache ist doch, und das habe ich immer gesagt: Wenn wir schwarz wären und Count Basie oder Duke Ellington hießen, würde uns jeder anfeuern, yeah, yeah, yeah. Für weiße Rock'n'Roller in unserem Alter ist so was anscheinend nicht vorgesehen.« Nun, die 00er-Jahre waren, was den Output aus den diversen Musikszenen anbelangt, ein unglaublicher Hort an Unübersichtlichkeit – in Teil 1 wurde dies bereits angeschnitten, Stichwort Selbstsuche.
Eine relative Aufmerksamkeit erhielten Musikerinnen und Musiker der älteren Generation vor allem, wenn es das erste Album seit zehn oder mehr Jahren war, und als Ergänzung seien an dieser Stelle die zwei Jones-Frauen genannt: Rickie Lee Jones und Grace Jones. "Balm In Gilead" (2009) heißt das Album der »(Groß-)Mutter aller exaltierteren Singer/Songwriterinnen«, wie es Bernhard Sauer in der Schallplattenmann-Kritik formulierte und dem Album eine gewisse Müdigkeit attestierte, im Gegensatz zur Kritik auf Kulturwoche.at, in der geschrieben steht, die »fragilen Songs mit ihren mystisch verwobenen Einspielungen muss man einfach jede Sekunde auskosten und sind es wert sich näher und eingehend damit zu beschäftigen«. Auf ein neues Album von Grace Jones hat vermutlich kaum jemand mehr gewartet. Umso erstaunlicher das Resultat mit dem Album-Titel "Hurricane" (2008). »Plötzlich ist evident«, so Volker Wilde in der Schallplattenmann-Kritik, »wie revolutionär ihr bizarrer Dub & New Wave-Sound mit ihren Spoken Words damals doch war und wie wenig es die mittlerweile 60-Jährige heute kostet, als innovativ wirkende Pop-Künstlerin wieder ganz vorn einzusteigen. Zehn Jahre älter als Madonna klingt Grace Jones' Pop-Produkt um Welten innovativer, furioser, bizarrer, als es die heilige Queen je vermocht hätte.« Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Dabei war sie eigentlich schon ein Fall für die heitere Quiz-Show "Was wurde eigentlich aus...", von einer Nebenrolle im Biopic "Falco - Verdammt, wir leben noch!" im Jahr 2007 abgesehen.
Falco, der das neue Millenium nicht mehr erlebte, erhielt ebenso eine (wenn auch stark vermurkste) filmische Huldigung wie zwei der wichtigsten Musiker überhaupt: Ray Charles und Johnny Cash. Beide hatten noch einen gewissen Einfluss auf die Entstehung des Films, Ray Charles starb kurz vor Ende der Dreharbeiten im Juni 2004, Johnny Cash und June Carter Cash starben zwar vor Beginn der Dreharbeiten im Mai bzw. September 2003, waren aber in Drehbuch, Produktion und Auswahl der Hauptdarsteller eingebunden. Noch zu Lebzeiten, quasi als Vermächtnis veröffentlicht, erschien die 5-CD-Box "Unearthed" von Johnny Cash. »Spricht nicht unbedingt für den Ereignisreichtum moderner musikalischer Zeiten:«, schrieb Bernhard Sauer im Schallplattenmann, »Da singt ein alter Kämpe vorwiegend anderer Leute Songs und Traditionals, alleine zu rudimentärster Gitarrenbegleitung oder nahezu überrespektvoll-zaghaft begleitet von Tom Petty's Heartbreakers [...] oder den Red Hot Chili Peppers – und lässt damit so viel gegenwärtiges Gedöns bedeutungslos erscheinen.« Das hat was, und überhaupt Johnny Cash: Seine Musik entspricht einer nie endenden Reise. Seit seinem Tod erhielten die Cashianer jede Menge neue Nahrung, darunter das finale Album "American V: A Hundred Highways" (2006). »Ein alter Mann«, so schrieb ich auf Kulturwoche.at, »gebrochen von Trauer über seine kurz davor überraschend verstorbene große Liebe seines Lebens, June Carter Cash, der sich nur noch über die Musik von einem Tag zum nächsten irgendwie rüberhanteln konnte. [...] Seine Stimme hatte bereits längst überirdische Ausmaße angenommen, ein biblisches Dröhnen, eine Vermengung von Apokalypse und Paradies, von Verlorenheit und Zuversicht, von Begnadigung und Verurteilung. Er wusste es ja schon lange, dass hunderte Straßen nach Hause führen. Nach Hause zu Gott.« Ganz schön pathetisch formuliert, na ja. Und was kommt nach einem Album, auf dessen Cover ein Sticker mit der Aufschrift 'The Final Recordings' prangte? Richtig. Die allerletzten Aufnahmen. "American VI: Ain't No Grave" (2010) von Johnny Cash ist das zweite postume Album aus dieser Reihe und angeblich wird kein weiteres mehr folgen. Das Cover ziert den Sänger im Kindesalter, im Booklet sieht man seine knorrige Hand. Ganz und gar nicht knorrig hingegen, was man zu hören bekommt. »Die Songs«, so Helge Buttkereit in der Schallplattenmann-Kritik, »passen sich so einem Mann an, der fast schon seinem Schöpfer ins Angesicht schaut und der das meisterhaft zu reflektieren weiß. Dadurch erhält das Album nicht nur eine melancholische, sondern trotz aller Schmerzen auch hoffnungsvolle Note. Denn man kann nicht nur in Würde altern, was Johnny Cash auf seine Weise gelungen ist. Dieses Album beweist, dass es ihm auch gelungen ist in Würde zu sterben. Rick Rubin hat das dokumentiert.«
Nochmals kurz zurück zu "Unearthed": Darauf zu hören ist auch "Redemption Song" (einem Original von Bob Marley) im Duett mit Joe Strummer (The Clash, The Mescaleros), das unerwartet zu einem seiner letzten musikalischen Statements wurde. Sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Album ist somit "Global A Go-Go" (2001), denn das an und für sich bereits fertige Album "Streetcore" (2003) erschien bereits postum. Auch bei diesem Album hatte übrigens Rick Rubin die Finger im Spiel. "Streetcore" ist ein Album, das, wie Helge Buttkereit im Schallplattenmann schrieb, weniger wie ein Abschluss als ein Schritt in eine neue Richtung daher kam, als eine »Art Werkschau in die Zukunft, die es für Joe Strummer nicht mehr gibt. Er wird uns fehlen.«
Weil wir schon dabei sind – wer uns noch fehlen wird: George Harrison, Warren Zevon, William Borsey (Willy Deville), John Entwistle, Solomon Burke, Malcolm McLaren, Kate McGarrigle, Esbjörn Svensson, Bobby Hebb, Hector Zazou, Ritchie Hayward (Little Feat), Joe Zawinul, Lee Hazlewood, Abbey Lincoln, Bobby Charles, Don Glen Van Vliet alias Donald Vliet (Captain Beefheart), Georg Danzer, Ari Up aka Madussa (The Slits), Michael Brecker, Gerry Rafferty, Ali Farka Toure... – die Liste ließe sich leider beliebig fortführen, einige davon veröffentlichten bis zuletzt große Alben, allen voran Warren Zevon, der mit "Life'll Kill Ya" (2000), "My Ride's Here" (2002) und "The Wind" (2003) drei fast schon übermächtige Tonträger zu später Lebensstunde veröffentlichte. Drei Weltmeere an Songs, an denen eigentlich kein Weg vorbeiführen sollte. Was bleibt da noch für die jüngere Musikergeneration übrig?
Hübsche Melodienvariationen für Sophie Zelmani ("Memory Loves You", 2007), unbekümmerte Herangehensweise für Melody Gardot ("My One And Only Thrill", 2009), spätpubertäre Fadesse für Katie Melua ("Piece By Piece", 2005), Edel-Balladen für Norah Jones ("Come Away With Me", 2002), unendliche Spurensuche für Madeleine Peyroux ("Careless Love", 2004), ein schwermütig tiefes Gospelstimmentimbre für Lizz Wright ("Dreaming Wide Awake", 2005) – auch in diesem Fall könnte man die Liste beliebig erweitern, immer mit der Frage im Hinterkopf, ob ein neues (wenn auch vielleicht schwächeres) Album von z.B. Joan Armatrading ("Into The Blues", 2007; "This Charming Life", 2010) prinzipiell einen höheren Stellenwert hat als Neuankömmlinge mit einem – ich zitiere nun eine inflationär verwendete Floskel der Musikindustrie – sensationellen Debüt-Album? Müßig, darüber zu sinnieren, denn wie wir bereits seit Duke Ellington wissen, gibt es nur gute und schlechte Musik.
Und beides gibt es überall, natürlich auch im deutschsprachigen Raum. Hier hat sich enorm viel getan, in Teil 1 wurde es bereits angedeutet. Zugegeben, ich hätte vermutlich nur halb so viel (wenn überhaupt) davon mitbekommen, wenn ich nicht jahrelang Juror der Liederbestenliste Deutschland gewesen wäre. Dabei ist es doch ein überaus zartes Pflänzchen, das man gar nicht gut genug hegen und pflegen kann. Großartige Alben von der alten bzw. älteren Generation wie z.B. "Dämmerung" (2006) und "Dreizehnbogen" (2008) von Franz Josef Degenhardt, "Glück" (2007) und "Hoffnung für alle" (2009) von Manfred Maurenbrecher, "Gache Wurzen" (2001), "Der schärfste Gang" (2006) und "Untersendling" (2009) von Ringsgwandl, "Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers" (2008) von Dziuks Küche, "Sensationsstrom" (2008) von Stoppok stehen nicht minder großartige Alben der jüngeren Generation gegenüber. Besonders erwähnenswert das titellose Album von Rainald Grebe & die Kapelle der Versöhnung (2005) »mit 13 bewundernswerten Bizarrerien«, wie Volker Wilde in der Schallplattenmann-Kritik schrieb, "Weiter draußen" (2008) von Kai Degenhardt (dem Sohn von Franz Josef), sowie "Immer nur Rosinen" (2006) von Dota und die Stadtpiraten, das »mit Originalität derzeit die Essenz der deutschsprachigen Liedermacherszene darstellt und so nebenbei den Geist von Rio Reiser in sich trägt«, wie ich es seinerzeit recht euphorisch auf Kulturwoche.at formulierte. Und der alte Degenhardt? »Gemeinsamkeiten zwischen Bob Dylan und Franz Josef Degenhardt«, vermerkte ich in der Rezension, »beruhen nicht auf Zufall. Die "Modern Times" werden hier wie da besungen, freilich immer aus der beobachtenden Perspektive. Textzeilen wie ›Tatsächlich zitiert er seitenlang Griechisch/ aus der Odyssee, und außerdem/ erklärt er beim Grappa in Frankies Bodega/ das Schrödinger-Gleichungs-Quantenproblem‹ schaffen wohl nur zwei so große Lyriker wie Dylan und Degenhardt in einem Lied unterzubringen ohne zu stolpern.« Solcherart musikalische Bezugsquellen kommen auch bei Sohn Kai vor: So beginnt sein Lied "Möge die Macht" mit einem Zitat von The Clash (»When they kick at your front door/ how you gonna come...«), von da geht es direkt zu Dylan (»Don't stand in the doorway/ don't block up the hall...«) hinein in eine Erzählung eines weihnachtsabendlichen Rundumschlags eines Besserwissers und -verdieners aus dem ökolibertären Überbau. Ein Glanzstück in Form eines klassischen Rollenliedes mit Drum-Loop zur "La Bamba"-Kadenz, Akustik-Bass, Darabouka und in den Refrains jeweils eine Reminiszenz an 40 Jahre Post-68-Gitarrenrock, in dem sich der angestaute Anpassungsdruck Bahn bricht, in dem der Zynismus nicht zu kurz kommt.
Zumindest zwei deutschsprachige Alben aus Österreich sollten ebenfalls erwähnt werden. Der Kontrabassist und Sänger Georg Breinschmid – er begann seine Karriere bei den Wiener Philharmonikern, wechselte danach zum Jazz und war für einige Jahre Stammbassist beim Vienna Art Orchestra – beweist auf dem Doppel-Album "Brein's World" (2010), dass World, Jazz, Pop, Wienerlied, Soul und Klassik sehr wohl unter einen Hut passen und heimst dafür viel überschwängliche Kritik ein – auch aus dem nicht-deutschsprachigen Raum. So schrieb z.B. Frank Alkyer im weltweit führenden Jazz-Magazin Downbeat: »[...] every time you smile or even laugh out loud, the next moment you'll be thinking about the incredible musicianship on the record. A perfect example is "Brein's Knights". Breinschmid lays down a funky bass line to kick off the tune. Frantisek Janoska joins in on piano. But when violinist Roman Janoska plays the melody, it sounds like an Irish folk song... with a funky backbeat.« Dem kann ich nur zustimmen. Alleine Kompositionen wie "Oldtime Hit", die er in allerbester Soul-Jazz-Manier rausschüttelt, machen jeden Jazzeranten mit Weitblick glücklich. Darüber hinaus erquickt er uns mit intuitiven und jedenfalls immer gefühlsechten großen Melodien, und mit "Schnucki von Heanois" gelang ihm sogar ein wahnwitziger Rap in atemberaubendem Tempo. Das Sampling wird dabei ersetzt von Kontrabass und Trompete, gerappt wird auf wienerisch, was auch dem Downbeat-Rezensenten auffiel: »The only thing missing is an English translation of some of the songs Breinschmid sings. They sound great in German, but I guarantee they'd be hysterical if only I could speak the language! No matter, Breinschmid's music has universal appeal.« Dieses Doppel-Album jedenfalls bietet, schlussfolgernd, mehrere Ansatzmöglichkeiten zur Rezeption: Es steht für eine Generation von Musikern, die aus dem übervollen Vorrat der Musikgeschichte schöpfen (können) und es steht gleichzeitig für eine Generation von Musikern, die sich selbst finanzieren und vermarkten (müssen), also frei agieren (dürfen). Im besten Fall (wie auf "Brein's World") klingt dann die Musik von allen Grenzen und Einschränkungen befreit.
Ähnlich, nur halt ganz anders, schaut es bei Sigi Maron aus. Der Sänger und Gitarrist war bereits in den 1970er Jahren als 'unbequemer' Liedermacher bekannt und musste von 1996 an aus gesundheitlichen Gründen eine Kreativpause einlegen. Ende 2010 erschien dann endlich sein Comeback-Album "Es gibt kan Gott", auf dem es sehr viel Reggae im Wiener Dialekt zu hören gibt. Der Witz und die Wut sind bei Maron Zwillinge, seine Texte regen zu Diskussionen an. Blickt der Titelsong musikalisch noch auf Marons Liedermacher-Vergangenheit, so ist bereits das zweite Lied, "Panik", Maron neu. Reggae-Dub-Poetry mit fetten Bläsern wie weiland Linton Kwesi Johnson, nur halt auf wienerisch, und das liest sich dann so: »diese krise trifft/ jede frau und jeden mann/ fuan und hintn föhlt, übaroi des göd/ olle jammern olle klogn,/ kaun ma bitte ana sogn/ wia des geht dass in sekunden/ milliarden san faschwunden/ [...]/ hots wer im ozean fasenkt/ oda den oamen gschenkt/ [...]/ tiafa sumpf und saure wiesn/ mia zoin net fia eichre krisn.« Rock, Mediterranes, Ska wechseln sich in Folge ab, es ist eine Reise durch brisante Gegenwartstexte und Musikhistorie, eine Reise durch Zeit und Raum.
Was mich direkt zu Ry Cooder führt. Sein Album "My Name Is Buddy" (2007) war das einzige Album der 00er-Jahre, das es schaffte mich zu Tränen zu rühren, dies bereits in Sekunde 30: »Die Tränen stiegen einfach so hoch, unaufhörlich krochen sie empor, ein Zurückhalten war zwecklos«, wie ich auf Kulturwoche.at schrieb. Was war geschehen? In den 1970er und 1980er Jahren schälte Cooder vergessene oder zumindest rare Traditionals hervor, rief diese ins Bewusstsein zurück, schrieb selbst aber kaum Lieder. Nun, in die Jahre gekommen, greift er stilistisch erneut auf diese vergessenen Weisheiten zurück – mit dem Unterschied, dass er (wie Bob Dylan und Tom Waits) daraus eigene Lieder macht. Wenn er sich mit Flaco Jiménez durch das fulminante "Christmas In Southgate" walzt, dabei die ewigen Textzeilen »I ain't never been much of a churchgoing man/ But I'd even give up drinking whiskey and gin/ If Jesus and Santa Claus ever get back down to Southgate again« intoniert, dann vergisst man sogar für kurze Zeit, dass es keinen Gott gibt. In der Schallplattenmann-Kritik schrieb Peter Bongartz: »Ich war schon für "Chávez Ravine" [2005] mehr als dankbar, da ich in Sorge war, der von mir so hochgeschätzte Ry Cooder würde sich in den Weiten der Weltmusik verlaufen, zwar noch die eine oder andere Kostbarkeit zu Tage fördern, aber den Songwriter, den Sänger, den Musiker in sich selbst vergessen. Er tat es nicht und auch diese 17 neuen Songs von/über seinen Buddy Red Cat sind echte Cooders. Sein eigenes Buena Vista, Talking America.«
Zu guter Letzt noch ein Album, das ebenfalls aus der Schar sehr guter Alben herausragt: "Orphans" (2006) von Tom Waits. »Selten war der Titel für eine Sammlung von Outtakes, Bearbeitungen unterschiedlichster Fremdvorlagen (Brecht/Weill, Daniel Johnston, Lead Belly, The Ramones) und unveröffentlichter, neuer Songs so treffend gewählt«, schrieb Bernhard Sauer in der Schallplattenmann-Kritik. Unterteilt ist das Dreifachalbum in "Brawlers", "Bawlers", "Bastards", wobei mir, gesamt betrachtet, die Balladensammlung "Bawlers" am Besten gefällt. Alleine, weil Tom Waits für mich zu den besten Balladensängern aller Zeiten gehört. Seine musikalischen 'Waisenkinder' nahm ich übrigens auch einmal zu einer HiFi-Messe mit, um zumindest einige Lieder vom Album auf Anlagen zu hören, die im 5- bis 6-stelligen Euro-Bereich liegen. Weil: Der Schmäh von Tom Waits war ja immer auch Störeffekte einzubauen, das Grindige hervorzuschälen, mit angeblichem LoFi zu punkten, Sound-Brücken zu bauen, die in einem Meer unterzugehen drohten. Nun denn: Selbst im hochpreisigen HighEnd-Bereich halten die Lieder von Tom Waits Stand, mehr noch, hier entfalten sich fein abgestimmte Sound-Geräusche, die sich als zarter Widerpart aus dem hintersten Eck des Lautsprechers befreien. Das Gute daran: Die 'Bastards' bleiben solche. Auf seinem Album "Real Gone" (2004) wimmelt es ebenfalls nur so vor Störgeräuschen. Geniale Schrägheiten wie "Don't Go Into That Barn", "Make It Rain", "Circus" und das 10-minütige "Sins Of My Father" stehen großen ruhigen Songs wie "How's It Gonna End", "Dead And Lovely", "Green Grass" und "Day After Tomorrow" gegenüber. Letzteres ein Statement auf das Zeitgeschehen. Ein Brief – seit jeher gern verwendetes literarisches Stilmittel (nicht nur) von Tom Waits – eines Soldaten, der in den Krieg geschickt wurde: »I'm not fighting for justice«, schreibt der Soldat an seine geliebte Frau, »I am not fighting for freedom/ I am fighting for my life and/ Another day in the whole world here/ I just do what I've been told/ We're just the gravel on the road/ And only the lucky ones come/ Home, on the day after tomorrow.« In "Circus" beschwört Tom Waits schließlich die soundtechnisch alten Zeiten. Da grammelt's wie auf alten Vinyl-Singles. »It's the same old world, but nothing looks the same«, heißt es folgerichtig an einer anderen Stelle des Albums.
In New Orleans nahm Tom Waits im Jahr 2009 außerdem mit der Preservation Hall Jazz Band zwei Lieder auf, "Tootie Ma Was A Big Fine Thing" sowie "Corrine Died On The Battlefield", beide inspiriert durch Danny Barkers Aufnahmen aus dem Jahr 1947. So weit so gewöhnlich. Ungewöhnlich allerdings, dass die zwei Lieder auf Vinyl mit 78 Umdrehungen, also auf Schellack veröffentlicht wurden. Liegt also die Zukunft tatsächlich in der Vergangenheit? Vermutlich.
Somit schließe ich den Kreis der 00er-Jahre, Keith Richards hat das Schlusswort: »Wie soll man wieder aufhören, wenn man einmal angefangen hat? Na ja, man hört einfach auf.« [mh]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


URL: http://schallplattenmann.de/a119448


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http://schallplattenmann.de/artikel.html
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