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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #175 vom 14.11.1999
Rubrik Feature

Es war einmal... ein Jahrhundert, Teil 1: Die frühen Jahre – "Me And The Devil Blues"

"Es war einmal ein junger Mann/der trieb es leider ziemlich bunt/Der Teufel kam um ihn zu holen/dafür gab es manchen Grund..." (Paola: "Die Geschichte vom Teufel und dem jungen Mann")
Ein musikalischer Rückblick aufs 20. Jahrhundert sollte eigentlich mit den Feldforschungen von Francis James Child beginnen, der zwischen 1882 und 1898 sein fünfbändiges Werk "The English and Scottish Popular Ballads" veröffentlichte und dadurch das Aussterben traditioneller Folk-Songs (heute bekannt als "Child Ballads") verhinderte; oder der Einstieg sollte am Anfang des Jahrhunderts erfolgen, als John Lomax die Lieder der Viehtreiber sammelte und diese 1910 im Buch "Cowboy Songs" verewigte – ohne ihn wäre z.B. "Streets Of Laredo" heute unbekannt. Beide Forschungsarbeiten (und fortführende mit Alan Lomax und Charles Seeger) bilden heute den Grundstock des "Archive of American Folk Song at the Library of Congress in Washington", das im Mittelpunkt des Folk-Revivals am Ende der 50er-Jahre stand. Der Rückblick könnte auch inmitten der "Crossroads" der Südstaaten beginnen – mit der Legende von Robert Johnson, der mit dem Teufel um die Wette Gitarre spielte und gewann. Sogar dem deutschen Schlager ist diese nicht unbekannt, wenn sie auch dort bis zum Exzeß verunstaltet wurde; und Keith Richards wollte von Brian Jones wissen, wer denn der zweite Gitarrist sei ("Das ist nur einer." - "Nur einer?" - "Nur einer!"), als die Rolling Stones zum ersten Mal Aufnahmen von Robert Johnson hörten, der es zeitlebens auf bloß 41 Aufnahmen von insgesamt 29 Kompositionen brachte, bevor er am 16. August 1938 vergiftet wurde. Ja, ja, die Eifersucht...
Diese drei Kurzbeispiele zeigen jedenfalls deutlich, daß sich die populäre Musik, so wie wir sie heute kennen, aus historischen Quellen speist; sei es in der Folk-Music, im Country oder im Blues, die seit jüngerer Gegenwart wiederum auch interdisziplinär verarbeitet werden – wie die Verarbeitung des Songs "Stagger Lee" beweist (unter anderen verschiedenen, ähnlichen Schreibweisen bekannt): Tom Jones, Nick Cave, Sly & The Family Stone, The Clash, Neil Diamond, Johnny Rivers, Professor Longhair und unzählige mehr versuchten sich an einer definitiven Version...
Aber bleiben wir beim Blues: Originalaufnahmen aus den Anfangsjahren zu erhalten ist vermutlich unbezahlbar, aber dank der technischen Entwicklung und vor allem dank engagierter Musikliebhaber ist es nicht schwer, historische Aufnahmen auf digitaler Basis zu ergattern. Viele scheuen sich allerdings davor und geben sich mit Cover-Versionen zufrieden. Aber, und das sollte uns allen klar sein, ein Eric Clapton wird nie an ein Robert-Johnson-Original herankommen, selbst wenn er mit dem Teufel paktiert – und das hat uns wohl auch Bob Dylan in einem seiner besten Songs ("Blind Willie McTell") mitzuteilen versucht, dass die Blues-Sängerinnen und -Sänger der Frühzeit unerreicht sind; technisch perfekter mögen all die Claptons und Knopflers sein, was aber deren Intensität anbelangt, haben sie vermutlich noch nicht mal Gesellenstatus erreicht.
Somit seien einige Kaufempfehlungen ausgesprochen:

  • Da hätten wir einmal "The Complete Recordings" von Robert Johnson (DoCD mit umfangreichem Booklet, Sony/Columbia), für Schallplattensammler essentiell hingegen die zwei Einzelplatten "King Of The Delta Blues Singers" (Vol. I, 1966 und Vol. II, 1970, jeweils Sony/Columbia) mit sehr schönem handgezeichneten Cover; beide Alben zählen zu den besten Blues-Platten ever.
  • Eine sehr schöne, allerdings nicht zur Gänze gelungene CD-Reihe (Vorsicht bei Roy Brown!): die "Capitol Blues Collection" (Capitol/EMI), ebenfalls mit handgezeichneten Covers, wurde ab 1995 veröffentlicht, wobei Teil 4 ("Rediscovered Blues", DoCD) mit Brownie McGhee, Sonny Terry, Lightnin' Hopkins und Big Joe Williams den Höhepunkt der 14-teiligen Serie darstellt und gleichzeitig so ziemlich zum Besten zählt, was ich jemals hören durfte. Die 34 Tracks entstanden zwischen 1959 und 1968, also mitten im Folk-Revival, und in dessen Sog begaben sich Alan Lomax, Pete Seeger & Co. "auf Spurensuche", um es stark verkürzt zu formulieren (so wie vor wenigen Jahren ein gewisser Ryland Cooder gemeinsam mit Sohn Joachim nach Kuba aufbrach...).
  • Bei dem damals beliebt-berühmten (und in den 80er Jahren wiederbelebten) Newport Folk-Festival traten zwischen 1959 und 1964 die z.T. durch Zufall wiederentdeckten Blues-Sänger Mississippi John Hurt ("Candy Man"), Brownie McGhee & Sonny Terry, Reverend Gary Davis, Skip James, Jesse Fuller u.a. auf (auch ein gewisser John Lee Hooker). "Blues At Newport" (Vanguard, 1989) macht großen Appetit, der leider ungestillt bleibt, da anscheinend keine Fortsetzung bzw. Komplettierung in Aussicht steht.
  • "Last Session" von Blind Willie McTell (Zyx-Music, 1992) ist ein weiterer Meilenstein der Blues-Geschichte. Die zum Großteil 1956 entstandenen Aufnahmen erklären Bob Dylans Refrain im oben angeführten Song.
  • "Sonny Terry & Brownie McGhee At Sugar Hill" (Fantasy, 1961; remastered 1991) sowie Willie Dixon & Memphis Slim mit "Willie's Blues" (Prestige, ca. 1959) und Big Bill Broonzys "Big Bill's Blues" (CBS, 1988) zählen ebenfalls zu unverzichtbaren Haushaltsartikeln.
  • Zu guter Letzt sei noch die "Hoodoo Lady" Memphis Minnie (Sony/Columbia, 1991) erwähnt: Sie beeinflußte Chuck Berry, J.B. Lenoir und andere, spielte Country-Blues, Post-War-Blues, Chicago-Blues und zählt zu den ersten Verfasserinnen feministischer Texte.
In einer der nächsten Ausgaben gibt es an dieser Stelle eine Kurzübersicht bezüglich Folk- und Country-Music, damit wir darauffolgend frisch und fröhlich in die "Musik-Neuzeit" eintauchen können.
Übrigens: Meine Blues-Leidenschaft begann 1980 im Alter von 14 Jahren: Eine englische Gruppe namens Nine Below Zero brachte mit "Live At The Marquee" (A&M Rec., 1980) ein R&B-Album heraus, worauf – man staune und höre! – ein einziger waschechter Blues zu hören ist, nämlich "I Can't Quit You Baby" von Willie Dixon – dieser Song stellte bei mir die Weiche. Paola dürfte mir heute noch böse sein... [mh]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


URL: http://schallplattenmann.de/a104325


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