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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #96 vom 08.03.1998
Rubrik Feature

Red's Independent Breakfast

Heute gibt es ein Megafrühstück mit viel Zeit, vielen Brötchen und diesmal auch viel zu hören und natürlich zu schreiben.


Spectre "The Second Coming"

(CD, LP)

Eine Platte, die besser spätnachts laufen sollte, wenn man noch immer nicht müde nach Hause kommt und anstatt den Fernseher lieber den Plattenspieler anschmeißt, ist "The Second Coming" von Spectre, The Ill Saint. Ähnlich einem 50er-Jahre-Gruselfilm, aber mit besseren Beats (ach?) und dem "Sad End" am Schluß ist die Platte eine echt böse Sache. Ich gebe zu, ich habe sie schon letzte Nacht gehört (Mein Gott ist die Platte lang!) und lausche jetzt nur stellenweise hinein, da - wie gesagt - nichts über die neue Gastr Del Sol geht. Mit langsamen, sich dahin schleppenden Beats und Gänsehaut erzeugenden (ich glaube uralten Horrorfilm-) Samples will diese Platte gar keinem Genre Ehre machen, sondern den Menschen zeigen, wie tief sie eigentlich in die dunkle Seite der Macht verstrickt sind bzw. es noch werden könnten. Der WordSound-Chef ist ja bekannt für seine verkifften, düster-mythischen Stimmungen, aber "The Second Coming" ist wie dieser Film, in dem Dämonen erscheinen, weil man sie zu oft aus Spaß beim Namen genannt hat. Man bekommt regelrecht Angst!
Etwas nüchterner gesagt (schließlich ist jetzt Frühstückszeit): Ob der finsteren Bedrohung und der hervorragenden Sounds und Samples ist die Platte ein echter Knaller, nicht nur auf einer schwarzen Messe. Aber Vorsicht auf deiner nächsten Party, das haben die in dem Film auch gemacht... [red]


Tortoise "T.N.T."

(CD)

Die neue Tortoise ist da und ich habe sie (ganz klar) auch schon gehört. Aber nur nebenbei und noch bin ich nicht von meiner skeptischen Haltung abgekommen. Aber jetzt mit viel Zeit! Ich bin der Letzte, der einen künstlichen Hype mit Gewalt aufrecht erhalten will, aber was ich da höre ist super. Mit Sicherheit ist der Stellenwert der Band weit übertrieben worden und auch das Prädikat "etwas ganz Neues" ist im nachhinein wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht worden. Aber: Tortoise haben etwas in den Indie-Bereich (da kommen sie her und da gehören sie hin!) eingebracht, was bis dato unbekannt war: das Easy-tum und das relaxte Entertainment mit Stil, aber ohne Hintergedanken. Und gerade diese "wichtigen Hintergedanken" sind der Band doch nur in den Mund gelegt und zur Last geworden.
Die neue Platte wird da sein, wenn man heimkommt, sie fragt nicht erst, wie der Tag war, sondern bietet dir gleich einen Drink an. Sie entspannt, weil sie keinerlei Attitüde mitbringt. Sie unterhält einfach nur, ähnlich einem Fernsehprogramm. Moderner Easy-Listening (mal ohne Elektronik, wie angenehm!), warmer Analog-Sound (toll gemacht!), nichts Schweres oder Gefrickeltes auf dieser Platte. Endlich haben sie eine runde Sache gemacht und den überflüssigen Psychedelic-Müll über Bord geworfen. "T.N.T." ist ausgereift und besitzt nur das eine Ziel: Einfach so, ganz nebenbei in deinem Ohr zu landen und da für Ruhe und Zufriedenheit zu sorgen (ähnlich der EP "Hank" von Lambchop). Im Gegensatz zur Vorgängerplatte kommen sie hier schneller zum Punkt und zeigen Mut zur kleinen Melodie! Nur der Titel paßt irgendwie nicht zur Musik. [red]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


Gastr Del Sol "Camoufleur"

(CD)

In der gleichen Clique haben zur gleichen Zeit Gastr Del Sol eine neue Platte aufgenommen, mit der die gleichen bzw. ähnliche Erwartungen verbunden waren wie mit der neuen Tortoise. Auch diese Platte widerspricht. Sie schalten den Avantgarde-Grad um 4 Gänge zurück, wer hätte das denn schon gedacht? In Chicago scheint man gemerkt zu haben, daß man mit Endlos-Gefrickel den Topf für Fortschrittlichkeit nicht gewinnt. Also besinnt man sich wieder darauf, was Musik unter anderem so schön machen kann: Gefühle und Emotionen mit Songs auszudrücken (- man muß ja nicht gleich Popmusik draus machen!). Der kalte und mathematische post-Rock-Hauch, den viele in Chicago verbreiten, fällt hier ganz weg. "Camoufleur" erinnert mich etwas an "The Fawn" von Sea And Cake; by the way, wer spielt hier wohl Schlagzeug?! Ähnlich wie auf "The Fawn" spielen Gastr Del Sol ihre Loops auf eine sehr jazzige Art mit Instrumenten, etwas hektischer vielleicht, aber nie avantgardistisch. Sie bleiben auf dem Boden und singen gelassen über Jahreszeiten und den Blues (das klingt wie manch alter französischer Chansonnier). Immer mit einem zwinkerndem Auge und so unglaublich locker und lässig, daß es (momentan) keine bessere Frühstücksplatte gibt, um den Tag lieb zu gewinnen. Und wenn David Grubbs in die Klaviertastatur weint, schmelze ich dahin (siehe bzw. höre Palace: "Arise Therefore"!!) [red]


(cc) 1996-2016 Einige Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/.

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