Hinweis: Ihr Browser unterstützt nicht alle grundlegenden Web-Standards, und deshalb sehen Sie diesen Hinweis und das Layout nur in Auszügen. Bitte verwenden Sie einen aktuelleren Browser.

Keine Anzeige
LogoSeit 1996: Aktuell und unabhängig!

Newsletter im Text-Format

So sieht die Textversion des Newsletters aus, natürlich ohne Anzeigen! Oder vielleicht doch im HTML-Format? Überzeugt? Einfach testweise abonnieren, wie es geht steht hier.

Der Schallplattenmann sagt #724, 21.05.2012
===========================================

**Farewell, Donald 'Duck' Dunn**

When musicians talk about playing 'in the pocket', what do they
mean? Listen to any of the classic soul cuts underpinned by the
bass grooves of Donald 'Duck' Dunn and you have your answer. Dunn
-- who died on Sunday at the age of 70 -- was a master rhythm
player who propelled innumerable Stax recordings from Wilson
Pickett's "In The Midnight Hour" to his beloved Booker T. and The
M.G.'s' "Time Is Tight"; Sam & Dave's "Hold On, I'm Comin'" to
Eddie Floyd's "Knock On Wood", not to mention pretty much every
track Otis Redding ever recorded. The full list is staggering.
Donald 'Duck' Dunn, 1941-2012, RIP.
Phil Alexander, Editor-In-Chief, MOJO 

s.a. #125: Booker T. & The MGs "Time Is Tight" [bs: @@@@]
     <http://www.duckdunn.com/discography.html>
     <http://schallplattenmann.de/linkbbb@mojo4music.com>
     <http://de.wikipedia.org/wiki/Donald_Duck_Dunn>

In dieser Ausgabe:
* Tipp der Woche
  @@@@@ Erstes Wiener Heimorgelorchester "Ütöpie"
        (noi: Synthie-Pop -- Vertonung des Absurden)
* Neu erschienen
  @@@@@ Die Aeronauten "Too Big To Fail"
        (noi: Indiepop -- eine Klasse für sich)
  @@@@. Aidan "Le Grand Discours"
        (lp: Folk -- wunderschönes Songwriting-Debüt für die
        Jahresendliste)
  @@@.. Adam Arcuragi "Like A Fire That Consumes All Before It"
        (noi: Americana -- raue Hymnen)
  @@@.. The Audience "Hearts"
        (lp: Indie -- zwischen Disco-Punk und Prog/Post-Rock)
  @@@@. Dr. John "Locked Down"
        (bs: Psychedelic New Orleans Soul -- Frischzellenkur für
        den Voodoo Doctor)
  @@@@. Lee Fields "Faithful Man"
        (mv: Soul -- das ewige Comeback des kleinen James Brown)
  @@@@. The Flying Eyes "Done So Wrong"
        (vl: Psychedelic Blues Rock -- Melancholie trifft auf
        Härte)
  @@@.. Kommando Elefant "Scheitern als Show"
        (lp: Indie-Pop -- deutschprachiges Album aus Österreich,
        für den Export empfohlen!)
  @@@@. Bonnie Raitt "Slipstream"
        (bs: Eklektizistisch, souverän und versiert zwischen
        Roots-Nischenmusik und Mainstream)
  @@@.. Various "Radio Beirut"
        (noi: World -- Sampler mit aktueller Musik aus dem
        Libanon)
* DVD - Musik sehen
  @@@@. Martin Scorsese "George Harrison: Living In The Material
        World"
        (bs: Doku -- das Leben des 'stillen' Beatle)
* Live - Musik spüren
        Mama Rosin, 27.4.2012, TaK, Schaan (FL)
        (noi: Live -- Gute Laune mit einfacher Musik)
        Unterbiberger Hofmusik, 26.4.2012, Freudenhaus, Bregenz
        (A)
        (noi: Live -- bayrisch, türkisch, jazzig: die
        Unterbiberger bringen alles in einen Bläsersatz)
* Texte - lesen oder hören
  @@@.. Matthias Willi, Olivier Joliat "The Moment After The Show"
        (noi: Bildband -- Der Basler Fotograf Matthias Willi hat
        Musiker in einem ganz besonderen Moment abgelichtet)
* Frisch aus den Archiven
  @@@@. Billy Bragg & Wilco "Mermaid Avenue - The Complete
        Sessions"
        (bs: Americana -- ergänzte Annäherung an den Geist von
        Woody Guthrie (1998/2000))

------------------------------------------------------------------

  @@@@@ - potentieller Meilenstein: Starlight
  @@@@. - definitives Highlight: Highlight
  @@@.. - erfreuliche Delikatesse: Delight
  @@... - solides Handwerk: Solidlight
  @.... - verzichtbarer Ausschuss: Nolight

------------------------------------------------------------------


Tipp der Woche
--------------

**Erstes Wiener Heimorgelorchester "Ütöpie"**
  Synthie-Pop -- Vertonung des Absurden (CD; Monkey)

  Sie geben an, keine Vorbilder zu haben und erinnern trotzdem
  ungemein an den Synthie-Pop der 80er-Jahre. Das mag an den
  einfachen Instrumenten liegen, die das Erste Wiener
  Heimorgelorchester (EWHO) seit fast zehn Jahren unverdrossen
  einsetzt -- simple Keyboards für den Hausgebrauch, die jeder auch
  nur halbwegs ambitionierte Keyboardnovize rundheraus ablehnen
  würde. Sie erinnern quasi automatisch an die Frühzeit der
  elektronischen Popmusik. Originalität und Eigenständigkeit hat
  das Quartett hinlänglich bewiesen, und die Bezüge zur
  Vergangenheit -- wenn sie denn doch gewollt sind -- sind nicht
  epigonal, sondern ironisch gebrochen.
  So kann man "Käseleberkäse" mit seinem harten, stupenden Rhythmus
  als DAF-Persiflage lesen. Nur dass das EWHO nicht mehr
  provozieren muss und zum Leberkäseessen auffordert. Wobei sie
  noch einen doppelten Boden eingezogen haben: Aufgrund der Mundart
  ist es nicht eindeutig, ob es sich um eine Aufforderung handelt
  oder um eine Feststellung. Gleichzeitig machen sie sich ganz
  nebenbei über den einzigen Hit der österreichischen Band Opus
  (1985) lustig: »Live is life«, singt das EWHO, »Rotwein rot/
  Weißbrot weiß/ tot ist tot«.
  Als Connaisseure erweisen sich die Wiener durch die Vertonung des
  absurd-abgründigen Ror-Wolf-Gedichts "Das Nordamerikanische
  Herumliegen", dessen groteske Komik sie apokalyptisch-düster
  umsetzen. Diese Vertonung verdeutlicht auch, wo sich das EWHO
  ansiedeln möchte: bei den Dichtern der literarischen Hochkomik,
  Robert Gernhard, seinen Kompagnons von der Neuen Frankfurter
  Schule und ihren Vorläufern wie Christian Morgenstern und Ernst
  Janda. Das ist keineswegs vermessen. Denn selbst die scheinbar
  reinen Nonsens-Texte der Gruppe sind hintersinnig. Wenn sie, wie
  im gleichnamigen Lied, über das Echo singen, verstärken sie
  dessen Wirkung nicht bloß, sondern verkehren sie ins Gegenteil.
  Dann zieht sich der Ich-Erzähler des Stücks zwar mit seinem Kamm
  nur »nachlässig einen Scheitel«, doch das Echo wirft ihm ein
  »eitel eitel eitel eitel« zurück. Und wenn er sich einredet, dass
  sie nur bei ihm sein wolle »und zwar sofort«, entlarvt dies das
  Echo sofort als Trugschluss und wirft ihm umgehend sein »fort
  fort fort fort« zurück. Dafür gibt es keine Vorbilder.
  [noi: @@@@@]
  
  s.a. #671: Erstes Wiener Heimorgelorchester "Es wird schön
       gewesen sein" [noi: @@@@]
       #672: Erstes Wiener Heimorgelorchester, 1.5.2010,
       Expo-Pavillon, Vaduz (FL) [noi]
       <http://www.ewho.at/>


Neu erschienen
--------------

**Die Aeronauten "Too Big To Fail"**
  Indiepop -- eine Klasse für sich (CD, LP+MP3 Download; Rookie)

  Die Aeronauten sind wie die Klitschkos und treten eigentlich nur
  gegen sich selbst an. Kein Wunder, sie fühlen sich omnipotent.
  Doch selbst wer zu großartig ist um zu fallen, muss (sich) das
  immer wieder beweisen -- besonders im dreißigsten Jahr des
  Bestehens.
  Ihre Melodien sind unverschämt eingängig und trotzdem trägt ihr
  Klang noch immer die rustikale Note, welche die Aeronauten immer
  schon liebenswert gemacht hat. Dazu sind die Texte von Oliver
  Maurmann so schräg und originell wie bei keiner zweiten Schweizer
  Band. Ganz im Sinn, dass auch das Private politisch ist, singt er
  über den persönlichen Reifeprozess, kommentiert aber auch -- ohne
  es explizit zu benennen -- aktuelles Geschehen. So verweist etwa
  "Too Big To Fail" zwar auf die aktuelle Finanz- und
  Wirtschaftskrise, aber zum primitiven Banken-Bashing, das man bei
  diesem Titel durchaus erwarten könnte, lassen sie sich nicht
  herab.
  Die oft von einem ironischen Ton geprägten Lieder sind nicht nur
  textlich humorvoll: "IQ 39" erinnert an einen T-Rex-Heuler, "Das
  Ende ist nah" zeigt wie man den drohenden Weltuntergang empfangen
  soll: ausgelassen und mit einem fröhlichen Lied, dessen Chorus in
  der Art des 60er-Jahre-Pop durchaus hart an der Kitschgrenze
  schrammen darf. Wie immer bedienen sich die Aeronauten freizügig
  im Pop-Arsenal vergangener Zeiten, bieten einmal sogar Country-
  und Dixieland-Anklängen, haben rockige Gitarren und immer wieder
  fetzige Bläsersätze.
  Zum Jubiläum haben sich die Aeronauten ein Doppelalbum gegönnt.
  Neben zwölf fast durchweg erstklassigen Songs (auch der Ausreißer
  "Uswanderer" ist zu verkraften) zelebrieren sie ihre Liebe zu
  B-Movies. 14 Instrumentalstücke, zum Teil mit Dialogen aus Filmen
  unterlegt, führen in die Welt altmodischer Krimis und
  Klopper-Filme. [noi: @@@@@]
  
  s.a. #506: Die Aeronauten "Hier: Die Aeronauten" [tm: @@@]
       #576: Guz "Mein Name ist Guz" [lp: @@@]
       <http://www.aeronauten.ch/>


**Aidan "Le Grand Discours"**
  Folk -- wunderschönes Songwriting-Debüt für die Jahresendliste
  (CD; Hazelwood)

  Manchen Leuten wird Aidan noch als Co-Sänger von Wallis Bird in
  bester Erinnerung sein. Mit "Le Grand Discours" hat der Ire nun
  endlich sein erstes Studioalbum veröffentlicht. Nicht nur Fans
  von Nick Drake -- nach dem er immer wieder klingt -- dürfen sich
  freuen, Aidan ist ein erstaunlich gutes Debüt-Album gelungen.
  Der Künstler erzählt in seinen Songs von seinen Eindrücken und
  Begegnungen auf einer über zehnjährigen Reise durch Europa. Wie
  sehr ihm das Spaß gemacht und wie offen und kontaktfreudig der
  Künstler die Reise begangen hat, hört man den Titeln dann auch
  an. Während sich viele dem Folk zugewandten Künstler zu sehr auf
  ihre Wurzeln beschränken, schüttet Aidan ein ganzes Füllhorn an
  Klängen und musikalischen Ideen über uns aus. Will der Hörer die
  komplette Tiefe und Komplexität diese Albums ergründen, hilft nur
  der Griff zur Repeat-Taste.
  Immer wieder gibt es hervorragende Gitarren- und Pianopassagen.
  In "Rue De Charlotte" werden eindringliche Gesänge mit Streichern
  unterlegt, "For The Love Of The Lord" wartet mit Geräuschkulisse
  aus dem Rekorder auf, "Nunca Máis" und "Pill Song" bestechen
  durch perfekt eingesetzte Percussion.
  Liebhaber von teuren Stereoanlagen dürfen sich besonders freuen:
  Aufnahme, Mix und Mastering sind exzellent und passen also gut zu
  diesem atemberaubenden Album. [lp: @@@@]
  
  s.a. <http://www.floatinghome.org/>


**Adam Arcuragi "Like A Fire That Consumes All Before It"**
  Americana -- raue Hymnen (CD, LP; Devilduck)

  Das Etikett 'Death Gospel', mit dem Adam Arcuragi seine Musik
  versehen hat, braucht mehr Erklärung, als es beim Einordnen
  seiner Musik hilft. Man kann sich seinen Liedern aber auch ohne
  intellektuelle Auseinandersetzung hingeben.
  Die Musik von Adam Arcuragi ist energiegeladen und versprüht
  durchaus Lebensfreude. Die Bezeichnung 'Death Gospel' bezieht
  sich auf seine Einschätzung, dass das Leben -- salopp gesagt --
  kein Zuckerschlecken ist und letztlich vom Ende bestimmt wird;
  von der Vergänglichkeit, die auch die schönsten Momente mit
  Schwermut überzieht. Deshalb sollte man gemäß Arcuragi der Freude
  an den schönen Seiten des Lebens umso vehementer Ausdruck
  verleihen.
  Folk, Country, Americana und von Gospel inspirierte, mächtige
  Chorusse zeichnen die meist in forschem Tempo gespielten Stücke
  Arcuragis aus. Der oft prägende Chorgesang lässt sie überaus
  hymnisch wirken. Dabei sind es nicht feinsinnige Engel, die hier
  rufen. Intensität und Leidenschaft stehen bei Arcuragi, der seine
  Lieder durchweg mit rauer Stimme intoniert, im Vordergrund. Und
  der Liedermacher aus dem Südwesten der USA singt so dringlich,
  als ob er das Ende durch die Inbrunst seines Gesanges aufhalten
  wollte. Der Titel des Albums zeigt schon, dass Arcuragi durchaus
  Wuchtiges im Sinn hat: "Like A Fire That Consumes All Before It"
  verweist auf die Ilias, die Homer zugeschriebene Erzählung vom
  Trojanischen Krieg. Epische Ereignisse brauchen keinen
  weinerlichen Erzähler, der dem Ende entgegenzittert. Sie brauchen
  eine starke Stimme und kraftvolle Musik. Adam Arcuragi bringt
  dazu noch den Willen zum überbordenden Pathos mit. Mit welchem
  Etikett er sich vermarktet, ist völlig gleichgültig. Das aktuelle
  Nebeneinander der Stile macht eine Abgrenzung, wie sie
  beispielsweise für 'Outlaw Country' noch sinnvoll war, völlig
  überflüssig. Und sie täuscht auch nicht darüber hinweg, dass er
  die Musik nicht grundsätzlich neu erfindet. Aber das wäre auch
  zuviel verlangt. [noi: @@@]
  
  s.a. <http://adamarcuragi.com/>


**The Audience "Hearts"**
  Indie -- zwischen Disco-Punk und Prog/Post-Rock (CD, LP;
  Hazelwood Vinyl Plastics)

  Vier Jahre lang haben sich die Musiker von The Audience für das
  neue Album Zeit gelassen. Das Warten hat nun endlich ein Ende:
  "The Hearts" steht jetzt beim Plattenhändler.
  Sehr viel hat sich seit den letzten Alben nicht geändert -- den
  Fan wird's freuen.
  Die Musiker leisten sich keine Schwächen und gehen wie gewohnt
  zur Sache. Produziert wurde unter Live-Bedingungen in einem
  großem Saal mit Holzboden. Die Power, die man von den Konzerten
  kennt, ist also auch auf dem Album. Musikalisch ist die Band
  etwas psychedelischer geworden, der Disco-Punk etwas
  gefühlvoller. Bei der Produktion geholfen hat Frank Mollena
  Zeidler (Missouri). Es klingt dann auch etwas bewusster und
  geplanter als bei den Vorgänger-Alben und schlägt sich mit
  leichtem Schlenker zum Post-Rock im Stil nieder.
  Für Fans der Band und Liebhaber von Disco-Wave-Punk ein Genuss
  ohne Reue. [lp: @@@]
  
  s.a. #610: The Audience "Dancers And Architects" [lp: @@@]
       #533: The Audience "Celluloid" [lp: @@@]
       #588: Missouri "Coming Down The Hill With A Picturesque
       View" [ut: @@@]
       <http://www.rocktheaudience.de/>


**Dr. John "Locked Down"**
  Psychedelic New Orleans Soul -- Frischzellenkur für den Voodoo
  Doctor (CD, LP+CD; Nonesuch)

  Dan Auerbach von The Black Keys, glühender Fan des frühen Dr.
  John und dessen mystisch-psychedelischer Alben von "Gris Gris"
  (1968) bis "The Sun, Moon & Herbs" (1971), bot sich nach einer
  gemeinsamen Jam-Session als Produzent eines neuen Studioalbums
  an, auf dem er den 71-jährigen Mac Rebennack nicht wie meist
  zuletzt als routinierten New-Orleans-Piano-Virtuosen hören
  wollte, sondern neben Gesang ausschließlich elektrisch an
  Farfisa-Orgel oder Fender-Rhodes-Piano. Dazu holte Auerbach
  Musiker aus dem Umfeld der Dap-Kings, Menahan Street Band sowie
  den Münchner Drummer Max Weissenfeldt von den Poets Of Rhythm
  nach Nashville ins Studio. Mit 'jungem Blut' gelingt die
  Rückverwandlung in Macs mysteriöses Alter Ego Dr. John 'The Nite
  Tripper', den Voodoo-Priester, der zu verspukten Sounds und
  Grooves gegen die kulturelle Zerstörung seiner Heimat New Orleans
  durch das nach Hurrikan Katrina grassierende Spekulantentum oder
  die medial längst abgefrühstückten, aber immer noch immanenten
  Folgen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sottert
  ("Revolution", "Ice Age"), ohne dabei die 'gute Medizin' zu
  vergessen, wie im hitzigen NOLA-Funk-fast-Instrumental "Eleggua"
  sowie dem darauf folgenden, wunderbar dahinfließenden Ausklang
  mit "My Children, My Angels" und "God's Sure Good".
  Frischzellenkur für den Voodoo Doctor -- oder ein weiteres
  Beispiel für wiederbelebte Tugenden eines 'Alten Helden' durch
  die einfühlsame Produktion eines Fans aus der derzeit angesagten
  Musiker-Generation. [bs: @@@@]
  
  s.a. #682: Dr. John & The Lower 911 "Tribal" [bs: @@@@]
       #485: Dr. John "Mercernary" [bs: @@@]
       #475: Dr. John & The Lower 911 "Sippiana Hurricane"
       [bs: @@@]
       #721: The Black Keys "El Camino" [bs: @@@@@]
       #721: Sharon Jones & The Dap-Kings "Soul Time!" [mv: @@@@]
       #274: The Poets Of Rhythm "Discern / Define" [bs: @@@@]
       <http://nitetripper.com/>
       <http://de.wikipedia.org/wiki/Dr._John>


**Lee Fields "Faithful Man"**
  Soul -- das ewige Comeback des kleinen James Brown (CD, LP;
  Truth & Soul)

  Über vierzig Jahre im Plattengeschäft und immer noch das nächste
  große Ding im klassischen Soul, das macht Lee Fields so schnell
  keiner nach. Wurde er für den Funk seiner ersten selbst
  veröffentlichten Singles in den frühen Siebzigern noch gerne als
  Little J.B. verspottet, verzog er sich in Zeiten von Disco und
  Hiphop fast ganz aus dem Musikbusiness. In den 90ern gab es ein
  paar scheußliche Vollsynthieproduktionen, wie sie auch andere
  Soulgrößen von Ray Charles bis Clarence Carter im Jahrestakt
  raushauten, weil\'s so schön billig war... Rettung nahte erst im
  neuen Jahrtausend durch die Geburt des Retro-Soul. In Brooklyn
  gab es ein heißes, neues Vintage-Soul Label, das neben Lee Fields
  auch Sharon Jones eine Chance gab. Besagtes Label Desco spaltete
  sich 2004 in Gabriel Roths Daptone Records und Leon Michels'
  Truth & Soul.
  Nach dem großen Kritikererfolg von Lee Fields' letztem Album "My
  World" (2009) legt er noch mal eine Schippe drauf. In der
  Zwischenzeit hatten die Produzenten von Truth & Soul mit Aloe
  Blaccs "I Need A Dollar" einen Riesenhit und legten jetzt auch
  hier Hand an. War der Vorgänger noch supergeschmackvoll unterwegs
  mit Farfisa-meets-Vibraphon-Arrangements, gibt es bei "Faithful
  Man" das volle Brett mit Breitwand-Orchester, Bläserkolonnen,
  Jubel-Chören und superfieser Fuzzgitarre. Der gleichnamige Opener
  kommt, wie das nachfolgende "I Still Got It", im ungewöhnlichen
  6/8-Takt daher, lädt zum Soul-Walzer, als ob es "Where Did You Go
  To My Lovely" nie gegeben hätte. Die Expressions um Labelboss,
  Gitarrist und Produzent Leon Michels haben mit Thomas Brenneck
  einen Gitarristen vom befreundeten Daptone-Lager hinzugezogen und
  so weiß man, wo's lang geht. Sharon Jones' und Charles Bradleys
  letzte Scheiben lassen grüßen.
  Einziger Wermutstropfen ist die Kürze des Albums, weit unter
  vierzig Minuten und die noch aufgefüllt mit dem unnötigen
  Instrumental "Intermission" und einer zugegebenermaßen
  ordentlichen Coverversion des vergessenen
  Rolling-Stones-Klassikers "Moonlight Mile", die vor ein paar
  Monaten schon auf einem MOJO-Sampler zu finden war -- insgesamt
  aber dennoch locker 4 Sterne wert.
  Vielleicht klappt's beim nächsten Mal mit der vollen Punktzahl,
  die Richtung stimmt. [mv: @@@@]
  
  s.a. #706: Charles Bradley "No Time For Dreaming" [mv: @@@@]
       #705: Charles Bradley "No Time For Dreaming" [noi: @@@@]
       #672: Sharon Jones & The Dap-Kings "I Learned The Hard Way"
       [mv: @@@@]
       <http://www.myspace.com/leefields>


**The Flying Eyes "Done So Wrong"**
  Psychedelic Blues Rock -- Melancholie trifft auf Härte (CD, LP;
  World in Sound)

  Mit ihrem zweiten Album haben es die 'Fliegenden Augen' aus
  Baltimore geschafft, den zu sehr nach Jim Morrison und The Doors
  klingenden Sound ihres Debüts "The Flying Eyes" (2009)
  abzustreifen. Die Songs klingen nicht mehr so roh und
  unstrukturiert, nicht mehr nur wie ein Abziehbild jener Zeit.
  Gleich mit dem Opener "Death Don't Make Me Cry" eröffnen uns die
  vier Musiker ein Klanggebilde, das über Acid, Psychedelic bis
  Stoner-Rock reicht. Melancholischer Country-Folk-Blues zu Beginn
  von "Nowhere To Run" trifft im Mittelteil auf herrlich stampfende
  Riffs und flirrende Gitarren. Wie überhaupt das ganze Album den
  Hörer unterbewusst, nach und nach, immer mehr in einen
  psychedelischen Rauschzustand versetzt. Der akustische Absacker a
  la Black Keys "Leave It All Behind" steht daher sicher nicht nur
  symbolisch für ehrliche, handgemachte Musik, tief verwurzelt in
  den 1970ern. Obwohl die Stücke sehr kurz gehalten sind, hat die
  Band mit "Done So Wrong" ein ungewöhnliches Album geschaffen, das
  in den Bann zieht. [vl: @@@@]
  
  s.a. #722: The Doors "L.A. Woman - 40th Anniversary" [bs]
       #721: The Black Keys "El Camino" [bs: @@@@@]
       <http://www.theflyingeyes.com/>


**Kommando Elefant "Scheitern als Show"**
  Indie-Pop -- deutschprachiges Album aus Österreich, für den
  Export empfohlen! (CD, LP+CD; Las Vegas)

  Ein Poster aus 100% Elefantenscheiße verspricht ein Aufkleber auf
  der CD-Box. Zusammen mit dem Titel "Scheitern als Show" wohl der
  Hinweis darauf, dass die Österreicher von Kommando Elefant
  mindestens Humor besitzen. Hört man sich durch den angenehm
  einfach gestrickten, aber schmissigen Indie-Pop der Gruppe,
  bemerkt man ziemlich schnell, dass unter der Oberfläche des
  Humors doch so einige Tiefen lauern.
  »Wenn alles vorbei ist, nur mehr Schweigen das bleibt,/ dann steh
  ich hier mit dem Letzten, was mir noch blieb,/ dann steh ich hier
  mit dem allerletzten Liebeslied« singt Alf Peherstorfer im
  fünften Lied und gleich darauf im sechsten: »Ich bin ein
  Arschloch, tut mir Leid« und kündigt dann ein richtiges
  Arschloch-Solo an. Die Welt der Beziehungen wird also sehr ernst
  genommen, Selbstreflexion ist aber etwas, worüber die Band noch
  Witze machen kann.
  Musikalisch könnte die Band auch aus Deutschland kommen. Endlich
  einmal kein Austro-Irgendwas zum sofort heraushören, sondern
  saubere Gitarren-Musik mit ein paar Keyboards, die ebenfalls
  sauber produziert ist. In der zweiten Hälfte des Albums hauen die
  Jungs dann immer mehr Ohrwürmer raus -- ein deutschsprachiges
  Partyalbum mit richtigem Tiefgang, hatten wir das schon einmal?
  [lp: @@@]
  
  s.a. <http://www.kommandoelefant.at/>


**Bonnie Raitt "Slipstream"**
  Eklektizistisch, souverän und versiert zwischen
  Roots-Nischenmusik und Mainstream (CD, 2LP; Proper)

  Sieben Jahre nach dem Studio-Vorgänger "Souls Alike" (2005) tut
  Bonnie Raitt -- vielleicht auch befreit vom kommerziellen Druck
  einer Major Company -- auf ihrem neuen Album ganz einfach das,
  was sie am besten kann: Grandiose Interpretationen von Vorlagen
  verehrter Song-Schreiber-Kollegen, hier u.a. zweimal späterer
  Dylan ("Million Miles", "Standing In The Doorway"), eine
  Reminiszenz an den im Januar 2011 verstorbenen Schotten Gerry
  Rafferty, sonst wiederum zweimal ex-NRBQ Al Anderson, der auch
  als zusätzlicher Gitarrist gastiert, wieder einmal der Ire Paul
  Brady, Loudon Wainwright III und -- last not least -- zweimal Joe
  Henry, der insgesamt vier Stücke für "Slipstream" produzierte und
  von seiner Hausband mit Jay Bellerose (dr), David Piltch (b),
  Patrick Warren (p, keys) und Bill Frisell (g) als weiterem Gast
  einspielen ließ. Die weiteren acht Songs bringt die nach wie vor
  überragende Sängerin und Slide-Gitarristin der
  Lowell-George-Schule mit ihrer langjährigen Tour-Band nach Hause,
  in der lediglich Keyboarder Jon Cleary offerbar durch Mike
  Finnigan (u.a. Taj Mahal's Phantom Blues Band) ersetzt wurde.
  Eklektizistisch, souverän und versiert vermitteln Bonnie Raitt
  und ihre Mitstreiter zwischen einer bunten Palette
  Roots-Nischenmusik -- Blues, Funk, Reggae, Songwriter-Folk -- und
  dem Mainstream, ohne den ursprünglichen Kern der Songs zu
  verraten; zu denken gibt nur, warum musikalisch würdig in die
  Jahre gekommene Roots-Heroinen wie Raitt oder auch Emmylou Harris
  mit derart künstlich geglättetem Teint vor U.S.-Kameras
  (auf-)treten müssen? [bs: @@@@]
  
  s.a. #292: Bonnie Raitt "Silver Lining" [bs/pb: @@@]
       #099: Bonnie Raitt "Fundamental" [pb: @@@@]
       #446: Bonnie Raitt "Live At Montreux 1977" (DVD) [pb: @@@]
       #641: Joe Henry "Blood From Stars" [bs: @@@]
       #490: Big Al Anderson "After Hours" [pb: @@@@]
       #332: Gerry Rafferty "Another World" [um: @@@]
       #199: Paul Brady "Oh What A World" [www: @@]
       #548: Loudon Wainwright III "Strange Weirdos" [bs: @@@@]
       #589: Emmylou Harris "All I Intended To Be" [pb: @@@@]
       <http://www.bonnieraitt.com/>
       <http://en.wikipedia.org/wiki/Bonnie_Raitt>
       <http://en.wikipedia.org/wiki/Mike_Finnigan>
       <http://www.youtube.com/watch?v=UBZDLuZNv_w>


**Various "Radio Beirut"**
  World -- Sampler mit aktueller Musik aus dem Libanon (CD;
  Galileo)

  Beirut gilt als eine der derzeit besten Party-Städte der Welt.
  Offenbar ist die Zeit gekommen, in der nicht mehr nur vornehmlich
  saudiarabische Besucher kommen, um -- der Libanon ist das einzige
  arabische Land, in dem Prostitution erlaubt ist -- den rigiden
  Einschränkungen des Heimatlandes zu entfliehen. Der innerhalb
  kurzer Zeit veröffentlichte zweite Sampler mit Musik aus Beirut
  legt nahe, dass auch hierzulande das Interesse an der Stadt am
  östlichen Mittelmeer gestiegen ist.
  Wie schon die vom Schweizer Verein Norient herausgegebene
  Zusammenstellung "Golden Beirut" (2011) legt auch diese den Fokus
  auf die vielfältigen Einflüsse, welche die Musiker reflektieren:
  Da wird ein Chanson mit lateinamerikanischen Rhythmen garniert
  (Mashrou'Leila mit "Raksit Leila"), sich in Retro-Stimmung an
  niedlichem French-Pop angelehnt (Soapkills mit "Herzan") oder an
  Singer/Songwritern wie Suzanne Vega orientiert (Sima mit "Stale
  Coffee").
  Anders als "Golden Beirut", auf dem auch harter Rock und Hip-Hop
  zu hören sind, scheint sich "Radio Beirut" an ein gesetzteres
  Publikum zu richten. So verweist es zum Beispiel mit Hanine Y Son
  Cubano auf die lange Verbindung von kubanischer und arabischer
  Musik oder auf den regen Kulturaustausch mit Frankreich in der
  ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Durch diesen kam der
  Tango in den Libanon, den Soumayas Baalbaki auch heute noch
  pflegt.
  Gemeinsam ist beiden Samplern, dass rein traditionelle und die an
  der arabischen Klassik orientierte Musik (etwa von Charbel
  Rouhana) ebenso fehlen wie im Exil lebende Musiker, etwa Marcel
  Khalifé, Toufic Farroukh und Rabih Abou-Khalil. Aber das wäre
  ohnehin ein ganz anderes Kapitel. [noi: @@@]
  
  s.a. #721: Various "Golden Beirut" [noi: @@@]
       #583: Marcel Khalife "Jadal" [gw: @@@]
       #529: Marcel Khalifé "Tagasim" [noi: @@@@]
       #662: Rabih Abou-Khalil "Selection" [bs: @@@]


DVD - Musik sehen
-----------------

**Martin Scorsese "George Harrison: Living In The Material
  World"**
  Doku -- das Leben des 'stillen' Beatle (2DVD, BluRay; Arthaus)

  Nach "The Last Waltz" (1978), "No Direction Home" (2005) und
  "Shine A Light" (2008) ist Martin Scorsese eine weitere
  großartige Musik-Doku gelungen, die sich einer Ikone der wilden
  1960er und ihrem Weg durch die darauffolgenden Dekaden widmet.
  "Living In The Material World" folgt der Lebenslinie des medial
  bislang weniger präsenten, 'stillen' Beatle George Harrison: vom
  Nachkriegs-Liverpool nach Hamburg, über Swingin' London und
  Indien durch die eher zurückgezogenen Jahre ab den 1970ern.
  Scorsese zeigt den spirituellen Sinnsucher, Meditations- und
  Sitarschüler, idealistischen Filmproduzenten der Monty Pythons,
  Traveling Wilbury, Frauenliebling und Ehemann, passionierten
  Ukulele-Spieler, Vater und bis zuletzt humorvollen 'Buddy'.
  Schwere Krankheit einhergehend mit Verletzungen infolge eines
  Raubüberfalls beendeten sein Leben, das durch den 'Schock'
  schneller Popularität und relativ jung erlangten, materiellen
  Wohlstands wesentlich stärker von der Suche nach darüber hinaus
  reichenden, immateriellen Idealen und Inhalten geprägt war.
  [bs: @@@@]
  
  s.a. #462: George Harrison & Friends "The Concert For
       Bangladesh" (DVD) [sal: @@@@@]
       #324: George Harrison "Brainwashed" [gw/bs: @@@@]
       <http://www.georgeharrison.com/>
       <http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Scorsese>


Live - Musik spüren
-------------------

**Mama Rosin, 27.4.2012, TaK, Schaan (FL)**
  Live -- Gute Laune mit einfacher Musik

  Vor anderthalb Jahren hätten sie diesen Auftritt vereinbart,
  erzählte Robin Girod. Und ihre Freunde in Genf würden sie darum
  beneiden. Wahrscheinlich war bis zum Moment, als sie entdeckten,
  dass Liechtenstein doch noch in Europa liegt und man hier sogar
  eine Abart des Deutschen spricht, der Auftrittsort für das Trio
  ebenso exotisch wie Macao, das chinesische Las Vegas, wo Mama
  Rosin vor ihrem Ausflug nach Liechtenstein zuvor aufgetreten
  sind. Der kurze, niedlich klingende »chinesische Zydeco«, den sie
  von dort mitgebracht haben, war nicht der Rede wert. Umso
  griffiger war ihre ureigene Mischung aus Two Step, Zydeco und
  Blues.
  Die Musik von Mama Rosin ist simpel und direkt und hat ein Ziel:
  gute Laune. Diese verbreiten sie weniger durch Raffinesse als
  durch die Begeisterung, mit der sie auf der Bühne stehen -- und
  durch die charmante Interaktion mit dem Publikum, die der überaus
  sympathischen Band das ganze Konzert durchweg außerordentlich
  wichtig ist. Die Genfer haben sicher schon größere Bühnen gesehen
  als das Reservepodest im Theater-Foyer, und dürfen doch froh
  sein, dass sich die kaum 50 Besucher nicht in die
  Theaterbestuhlung quetschen müssen. Diese sind es sicher auch.
  Denn auch wenn sie -- was völlig überflüssig ist -- den
  Respektsabstand zur Bühne einhalten: Die Spielfreude des Trios
  überträgt sich unmittelbar und kommt auch bei den wenigen
  langsameren Stücken nicht zum Erliegen, die Mama Rosin nicht so
  sehr zu liegen scheinen.
  Cajun- und Zydeco-Musik ist simpel, mit einfachen Mitteln
  gemachte, rustikale Gute-Laune-Feierabendmusik. Ihr Ziel, ihrem
  Publikum einen fluffigen Abend zu bieten, haben Mama Rosin mit
  diesem Konzert locker erreicht. [noi]
  
  s.a. #717: Mama Rosin, Hipbone Slim & The Kneetremblers
       "Louisiana Sun" [noi: @@@]


**Unterbiberger Hofmusik, 26.4.2012, Freudenhaus, Bregenz (A)**
  Live -- bayrisch, türkisch, jazzig: die Unterbiberger bringen
  alles in einen Bläsersatz (Himpsl)

  Viel eher als die Unterbiberger Hofmusik -- die sich in Dirndl
  und Lederhosen wesentlich konventioneller gibt, als sie
  tatsächlich ist -- zeigt ihr ständiger Partner Matthias Schriefl
  auf den ersten Blick, was von der Gruppe zu erwarten ist: Die
  Lederhose des Trompeters darf als Bekenntnis zur Tradition
  gelesen werden. Aber schon das kleingemusterte Hemd mit seinem
  modisch großen Kragen, seine geckige Brille und der modebewusste
  Haarschnitt zeigen, dass er in ihr nicht feststeckt. Das untere
  Drittel mit seinen auffälligen, orangefarbenen Kniestrümpfen, die
  in mit Alpenblumen bestickten rot-grünen Mokassins eines
  mittelalterlichen Gauklers stecken, repräsentiert den Freigeist,
  den burlesken Hofnarr mit seinen entlarvenden Späßen.
  Tradition, Freigeist und Moderne sind die Ingredienzien der
  Familie Himpsl -- vulgo Unterbiberger Hofmusik -- aus dem
  gleichnamigen Ort bei München, die gemeinsam mit dem furiosen
  Trompter Matthias Schriefl, dem geschmeidigen Posaunisten Mathias
  Götz und dem Tubisten Konrad Sepp auf der Bühne sitzt.
  Seit Jahren schon sprengt die Gruppe das Genre der Volksmusik,
  vornehmlich indem sie diese mit einem gehörigen Schuss Jazz
  versetzt, aber auch zum Beispiel mit lateinamerikanischen
  Rhythmen. Schon auf ihrem letzten Album "Made In Germany" (2012)
  hat sich ein neuer Weg abgezeichnet -- die Adaption und
  Integration türkischer Musik, die beim aktuellen Programm im
  Zentrum steht. Da fügt sich der Klang der Rahmentrommel ganz
  selbstverständlich in die Bläser, und unversehens wird aus einer
  schmelzenden orientalischen Melodie ein urbayerisch wirkendes
  Lied. Auch Polka, Walzer, der auch mal in Richtung Barjazz
  abschweifen kann, und Tango fügen sich gut in diese Mischung.
  Trotz der Hinwendung zur türkischen Musik, kommt die jazzige Note
  alles andere als zu kurz. Es sind auch die als Solisten oft im
  Rampenlicht stehenden Matthias Schriefl, der überwiegend
  exaltiert, furios und effektbetont spielt, und der
  zurückhaltender agierende Mathias Götz, die immer wieder
  begeistern. Schriefl ist es auch, der für den Höhepunkt des
  Abends sorgt -- mit einer ungewöhnlichen Interpretation von Duke
  Ellingtons "Caravan", das er, den Rhythmus mit um die Fußgelenke
  gebundenen Schellen selbst dazu stampfend, treibend-nervös und
  mit dreckigem Ton in den Saal schmettert.
  Obwohl oft nach einem ähnlichen Muster arrangiert -- zwei
  Trompeten liefern das Intro, zu dem sich nach und nach die
  weiteren Instrumente gesellen -- kommt keine Langeweile auf.
  Kleinere Schwächen -- dass zu Beginn der Tournee mal ein Intro
  nicht sitzt oder dass in den lyrischen Passagen der türkischen
  Lieder der Schmelz in der Stimme fehlt -- akzeptiert man gerne.
  Denn auch wenn die raue Stimme von Franz Himpsl nicht so recht
  zur schwelgerischen oder gar romantischen Melodieführung passen
  mag, beim Wechsel in den traditionell-bayerischen Stil wirkt sie
  durchaus wieder passend.
  Konzerte: 24.5.2012 München, 17.6. Neugablonz und Sonnenhausen,
  7.7. München, 28.7. Puchheim. [noi]
  
  s.a. #724: Unterbiberger Hofmusik, 26.4.2012, Freudenhaus,
       Bregenz (A) [noi]
       #721: Armoni-Ahenk & Unterbiberger Hofmusik, 13.11.2011,
       Großer Saal der Musikhochschule, München [noi]
       <http://www.unterbiberger.de/>
       <http://www.seelax.at/>


Texte - lesen oder hören
------------------------

**Matthias Willi, Olivier Joliat "The Moment After The Show"**
  Bildband -- Der Basler Fotograf Matthias Willi hat Musiker in
  einem ganz besonderen Moment abgelichtet (geb.; Roughbooks)

  Posen ist ihr Geschäft -- für die Medien und auf der Bühne
  sowieso. Wie Rockmusiker wirklich sind, erfährt das Publikum
  jedoch kaum. Der Basler Fotograf Matthias Willi hat einen Weg
  gefunden, die Musiker zum Ablegen der Maske zu bewegen: Er hat
  sie, bekannte und unbekannte, unmittelbar nach dem Konzert
  fotografiert. »Nur so kann man zeigen, wie wir wirklich sind«,
  zeigte sich Juliette Lewis von der Idee begeistert. Erschöpft
  sieht sie auf dem Bild aus, durchgeschwitzt, ein wenig verloren,
  aber zufrieden.
  Dem erledigten Iggy Pop, bekannt für seine ungestümen Auftritte,
  ist eine kleine Bildstrecke gewidmet. Viele andere sind mit
  jeweils einem Bild vertreten, etwa Brian Molko (Placebo), Josh
  Homme (Queens Of The Stone Age), Merrill Nisker alias Peaches und
  Judith Holofernes (Wir sind Helden). Matthias Willi fotografierte
  aber nicht nur die großen Namen quer durch (fast) alle Genres der
  Pop- und Rockmusik, sondern bis hinunter in die Amateur-Liga.
  Denn angesichts ihrer Leidenschaft sind alle gleich, egal ob sie
  vor 50 oder vor 5000 Menschen auf der Bühne stehen.
  Ganz auf Namedropping verzichtet haben die beiden Herausgeber
  trotzdem nicht. Kid Rock sei einfach zu den Aufnahmen von Gnarls
  Barkley mitgekommen, schreiben Willi und Joliat im Begleittext,
  da habe man ihn eben auch fotografiert. Dass andere Musiker ihre
  Show-Maske nicht abgelegt haben, ist ihnen jedoch nicht
  anzulasten. Jesse Hughes von den Eagles Of Death Metal
  beispielsweise sei eben einfach ein »poser by nature«.
  "The Moment After The Show" lebt von seiner originellen
  Herangehensweise. Sie ersetzt die herkömmliche Musikfotografie
  nicht, bietet aber eine ungewöhnliche Facette, die andere
  Einblicke ermöglicht.
  "The Moment After The Show" ist im Eigenverlag erschienen und
  kann über deren Internetseite bestellt werden. [noi: @@@]
  
  s.a. #504: Juliette & The Licks "Four On The Floor" [dmm: @@@]
       #446: Iggy Pop "Anthology - A Million In Prizes & Live At
       Avenue B" [dmm: @@@]
       #674: Placebo "Covers" [sal: @@@]
       #539: Queens Of The Stone Age "Era Vulgaris" [dmm: @@@@]
       #703: Wir sind Helden "Tausend wirre Worte: Lieblingslieder
       2002-2010" [sal: @@@@]
       <http://www.aftertheshow.ch/>


Frisch aus den Archiven
-----------------------

**Billy Bragg & Wilco "Mermaid Avenue - The Complete Sessions"**
  Americana -- ergänzte Annäherung an den Geist von Woody Guthrie
  (1998/2000) (3CD+DVD; Nonesuch)

  Zu dieser kooperativen Vertonung uneingespielt verbliebener
  Song-Texte aus dem schier unerschöpflichen Nachlass von Woody
  Guthrie gab es im Rahmen dieses Newsletters bereits vor gut einer
  Dekade reichlich von unterschiedlichen Autoren zu lesen.
  Anlässlich des hypothetischen 100. Geburtstags von Woody Guthrie
  am 14.7.1912 wurden die von seiner Tochter Nora initiierten,
  bislang zweiteiligen "Mermaid Avenue"-Sessions von Billy Bragg
  und Wilco mit Gastbeiträgen von Natalie Merchant, Corey Harris
  oder Eliza Carthy um eine weitere CD mit 17 (!)
  unveröffentlichten Interpretationen sowie eine DVD mit der
  sehenswerten Making-Of-Doku "Man In The Sand" (1999) ergänzt;
  letztere vermittelt nicht nur Hintergründe der Sessions, die
  unterschiedliche Interpretations- und künstlerische
  Herangehensweise der Beteiligten, sondern gewährt anhand von
  O-Tönen Nora Guthries auch tiefe Einblicke in das Leben und
  musikalische Schaffen des Mannes, den Billy Bragg als den
  bedeutendsten U.S.-amerikanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts
  bzw. seit Walt Whitman (1819-1892) vereehrt, und dessen
  bekanntester Folk-Song "This Land Is Your Land" nicht einmal
  komplett in den Liederbüchern seines Heimatlandes abgedruckt
  wird.
  Die trotz einer gewissen Inhomogenität gelungene Annäherung an
  den Geist von Woody Guthrie bleibt nicht zuletzt durch das
  gegenwärtige Protestsänger-Charisma des Briten Billy Bragg und
  die Entwicklung von Wilco zu einer der wichtigsten, aktuellen
  Bands hörenswert -- nur hätten derart üppige Medien-Pakete eine
  entsprechend wertigere und vor allem praktikablere Verpackung
  verdient. [bs: @@@@]
  
  s.a. #200: Billy Bragg & Wilco "Mermaid Avenue Vol. 2"
       [hb: @@@@]
       #127: Billy Bragg & Wilco "Mermaid Avenue" [mh]
       #126: Billy Bragg & Wilco "Mermaid Avenue" [bs: @@@]
       #573: Billy Bragg "Mr. Love & Justice" [dmm: @@@]
       #719: Wilco "The Whole Love" [hb: @@@@]
       #679: Natalie Merchant "Leave Your Sleep" [bs: @@@@]
       #547: Corey Harris "Zion Crossroads" [bs: @@@@]
       <http://billybragg.com/>
       <http://wilcoworld.net/>
       <http://www.woodyguthrie.org/>
       <http://de.wikipedia.org/wiki/Woody_Guthrie>
       <http://en.wikipedia.org/wiki/Mermaid_Avenue>
       <http://de.wikipedia.org/wiki/Walt_Whitman>


$$

 Der Schallplattenmann sagt - Das aktuelle CD- und LP-Magazin
 Herausgeber: 
 Michael Müller-Hillebrand, Gabelsbergerstr. 17, D-91052 Erlangen
 Weitere Informationen und Impressum:
 <http://schallplattenmann.de/>

 (cc) 2012 Einige Rechte vorbehalten.
 Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Lizenzvertrag
 (Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung)
 lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu
 <http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/de/>


Abonnieren? Wie es geht, steht hier.


(cc) 1996-2016 Einige Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/.

http://schallplattenmann.de/newsletter-text.html
Sprung zum Beginn der Seite

Suche im Archiv

Anzeige