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[ Inhalt ]Ausgabe #609 vom ..
Rubrik Live - Musik spüren

Solomon Burke, 21.11.2008, Mercedes-Benz-Museum, Stuttgart

Mit seiner voluminösen, gospelgetränkten Stimme und Hits wie "Everybody Needs Somebody To Love", "Cry To Me" oder "If You Need Me" hat Burke in den Sechziger Jahren nicht nur die Soul-Musik mitdefiniert, sondern auch Bands wie die Rolling Stones, Pretty Things, die Blues Brothers und viele andere zu mannigfachen Coverversionen angeregt. Seit 2002 hat Burke wieder eine Reihe hervorragender, erfolgreicher Alben veröffentlicht. Unser Mitarbeiter traf den Vater von 21 Kindern und Opa von 89 Enkeln nach einem grandiosen Konzert in Stuttgart.
Wie ein Berg der Weisheit sitzt Solomon Burke auf einem Plastikstuhl in seiner Garderobe, der massige Körper begraben unter Unmengen von Decken und Handtüchern. Die Augen blitzen warm, freundlich und hellwach hinter der Brille hervor, als er die fränkische Journalisten-Delegation mit einem ansteckenden Lachen begrüßt. Gerade eben hat er in einem knapp zweistündigen Konzert das Stuttgarter Mercedes-Museum – ein kühner architektonischer Traum aus Stahl, Glas und nacktem Beton – in eine Kirche des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung verwandelt: Eine dieser Soul-Messen, von denen man nicht wagte zu hoffen, sie noch einmal erleben zu dürfen – jetzt, wo sie fast alle tot sind, die großen Namen des Soul: James Brown, Wilson Pickett, Ray Charles, Arthur Conley und wie sie alle heißen. Aber Solomon Burke ist kein Relikt vergangener Zeiten. Auch mit 68 Jahren ist seine Präsenz beeindruckend, seine Botschaft so einfach wie unmissverständlich: »Es geht nicht um meine Stimme«, sagt er, angesprochen auf die erotische Wirkung seiner nach wie vor voll intakten Stimmbänder, »Love is the answer!« Was vielleicht klingt wie eine plattgetretene Floskel, offenbart sich im Konzert in ganzer Klarheit: Auf seinem mächtigen Thron sitzend führt König Solomon seine fantastische 13-köpfige Band (inklusive Streichern, Bläsern und Background-Sängerinnen) durch ein ausgewogenes Programm aus alten Klassikern wie "Cry To Me", "Down In The Valley" oder "If You Need Me" und neueren Stücken wie Tom Waits "Diamond In Your Mind" oder das durch Mark und Bein fahrende Blues-Bekenntnis "Flesh And Blood" – wobei das Programm zu einem großen Teil durch Wünsche aus dem Auditorium bestimmt wird. Doch Burkes Achtung vor seinem Publikum drückt sich nicht nur in offensichtlichen Gesten aus, wie der, als er beim finalen "Everybody Needs Somebody To Love", bei dem fast das Dach wegfliegt, Rosen an die Damen verteilen lässt. Allein die in keinem Augenblick nachlassende Intensität seiner raumfüllenden Stimme und der Nachdruck, den er in jedes Wort seiner erhebenden Monologe steckt, offenbart eine tiefe Spiritualität, die beim Teilzeit-Bischof Burke keine konfessionellen Grenzen kennt. Sam Cookes Klassiker "A Change Is Gonna Come" wird zum Hoffnungsgesang auf den kommenden Präsidenten, bei dessen Erwähnung ihm später beim Interview die Tränen in die Augen schießen.
»Es ist schwer zu verstehen, was das bedeutet«, sagt er über den Wahlsieg Barack Obamas. »Was für ein Segen für uns zu begreifen: Es geht nicht um deine Hautfarbe, sondern um das, was in dir steckt! Egal was sie zu ihm gesagt haben, egal wie sie ihn niedergemacht haben – er hat einfach den Kurs gehalten. Und diese Geduld hat sich ausgezahlt! Er ist nicht nur Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Er hat den jungen Menschen auf der ganzen Welt gezeigt: Du kannst alles werden was du willst, wenn du an dich selbst glaubst.«
Es sind die alten, schon beinahe vergessenen amerikanischen Tugenden, die in der Musik Solomon Burkes eine kraftvolle Renaissance erfahren. "Don't Give Up On Me" hieß sein famoses Comeback-Album von 2002, für das er nach fünf Dekaden im Showgeschäft seinen ersten Grammy bekam. Aufgeben war für ihn nie ein Thema, Zweifel reine Zeitverschwendung: »Die Negativität ist ein Verlierer! Soul ist Ausdruck dafür, sein Leben zu leben und es zu genießen. Denken sie, was sie denken wollen, nicht was andere erwarten. Deswegen ermutige ich die jungen Schreiber, Sänger und Musiker, an sich selbst zu glauben, nach vorne zu blicken. Schreib einen Song, schreib ein Theaterstück oder ein Gedicht und veröffentliche es auf MySpace. Zeig was du hast! Wie soll die Welt erfahren, was du kannst, wenn du sie nicht wissen lässt, was in deiner Seele steckt!«
Zum Schluss schenkt er uns noch ein paar Schokoriegel für die Fahrt – als hätte er uns nicht schon genug Wegzehrung mitgegeben...
(Erstveröffentlichung in den Nürnberger Nachrichten)
Tour: 2.12.2008 Nürnberg, 3.12. Neu-Isenburg, 4.12. CH-Luzern, 5.12. CH-Lugano, 6.12. I-Parma, 8.12. Leipzig. [pg]


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