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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #602 vom 13.10.2008
Rubrik Feature

Interview mit John Convertino (Calexico): »Wie eine Rückkehr«

Der Schlagzeuger von Calexico über "Carried To Dust", die Wüste und Trompeten

"Carried To Dust": Schon der Titel zeugt davon, dass Calexico zurück in der Wüste sind. Gitarrist und Sänger Joey Burns und Schlagzeuger John Convertino haben ihr neues Album wiederum in der Wüstenstadt Tucson im US-Bundesstaat Arizona aufgenommen. Dabei klingt "Carried To Dust" nach dem Alternative-Rock-Album "Garden Ruin" (2006) durch sehnsüchtige Gitarren, eigenwillige Schlagzeugpassagen und vor allem den gekonnten Einsatz mexikanischer Mariachi-Trompeten wieder mehr nach dem bekannten, mythisch angehauchten Calexico-Stil. Was dennoch alles neu ist und warum ihn die Entwicklung der Musikszene traurig stimmt, darüber hat John Convertino mit unserem Mitarbeiter Helge Buttkereit gesprochen.

Helge Buttkereit: Wenn man "Carried To Dust" mit dem Vorgänger "Garden Ruin" vergleicht, dann klingt es wieder mehr nach Calexico. Liegt das daran, dass Sie für die Aufnahme in die Wüste nach Tucson zurückgekehrt sind?

John Convertino: Ja, es ist ein wenig wie eine Rückkehr. Aber ich denke, die Band ist immer noch dabei ihr Credo zu erfüllen und neue Sachen zu machen. Es war gut, für "Garden Ruin" eine Pause in der Arbeit mit unserem Produzenten Craig Schumacher einzulegen. Für ihn und für uns. Das spürten wir, als wir uns jetzt wieder neu an die gemeinsame Arbeit machten.

In der Tat klingt das Album auch wieder frisch. Es sind neue Spielarten des alten Sounds zu erkennen.

John Convertino: Wir haben etwas von dem einfließen lassen, was wir mit "Feast Of Wire" [2003], "Hot Rail" [2000] oder "The Black Light" [1998] gemacht haben. Aber in einer anderen Art und Weise. Craig Schumacher hat dann mit seiner Art, die Musik zusammen zu mixen, eine neue Qualität erreicht. Vor allem was das Schlagzeug angeht.

Gute Alben entwickeln sich, wenn man sie mehrfach hört, und so geht das auch mit "Carried To Dust". Immer deutlicher wird auch der Spaß, den Sie bei der Aufnahme hatten.

John Convertino: Es war wirklich toll. Ganz anders als sonst war, dass Joey [Burns] und ich zunächst die ersten Aufnahmen alleine gemacht haben, also Gitarre und Schlagzeug. Gut, bei dem einen oder anderen Track war dann noch Paul Niehaus mit der zweiten Gitarre dabei. Danach haben wir die anderen Bandmitglieder einzeln dazu geholt, so dass sie ihren Beitrag zu den Songs leisten konnten.

Bei einigen der neuen Songs, beispielsweise "Two Silver Trees" ist das Intro besonders gelungen, finde ich.

John Convertino: Ich denke auch, dass das einer der schönsten Momente auf dem Album ist. Wir haben allerdings sogar überlegt, das herauszunehmen. Aber am Ende ließen wir es doch drauf. Entstanden ist es mit einer pentatonischen Skala, also Fünftonmusik zunächst auf der Gitarre, die das japanische, das asiatische Gefühl erzeugt. Dann brachte Martin Wenk ein Omnichord mit. Das ist ein billiger Synthesizer aus den 80ern. Und dann spielte Nick Luca, ein Freund, der im Studio arbeitet, auch noch ein Instrument, das glaube ich Chinese guizeng heißt. Wir haben also mit allen möglichen Instrumenten für einen besonderen Sound gearbeitet.

Und die Trompeten sind zurück.

John Convertino: Nun, auch auf "Garden Ruin" waren Trompeten drauf, aber wir haben etwas Anderes damit gemacht. "Garden Ruin" war vor allem der Versuch, etwas anders zu machen und den anderen Einflüssen auf die Band eine Chance zu geben. Bei diesem Album sind wir nun zurückgekehrt, haben aber auch wieder mit vielen verschiedenen Sängern und Musikern zusammen gearbeitet, die sehr viel zum Album beigetragen und uns beeinflusst haben.

Textlich spiegelt das Album eine gewisse Rastlosigkeit wieder.

John Convertino: Joey macht die meisten Texte. Es war interessant, mit welchen Ideen er kam, aber auch schwer zu beschreiben. Ich meine, wenn man in der Wüste lebt, dann spricht man viel über Wasser. Das mag der Grund sein, weswegen viele der Titel mit dem Ozean zu tun haben. Nachdem wir das Album beendet hatten, machte ich mit meiner Familie Urlaub in Mexiko. Ich war überrascht, dass die Songs am Ozean so gut klangen, obwohl sie aus der Wüste stammen.

Da fragt man sich doch, warum Ihre Lieder gerade in Deutschland so erfolgreich sind, wo wir doch keine Wüste haben?

John Convertino: Ich weiß es nicht. Sicher, es hat auch mit Hausmusik und unserem ersten Album zu tun, das zunächst in Deutschland auf diesem Münchener Label erschien. Natürlich haben wir auch viele großartige Shows mit Giant Sand in Deutschland gespielt. Vielleicht hängt die besondere Verbindung zwischen den deutschen Fans und uns auch mit dieser Weite im Südwesten der USA zusammen, die es in Deutschland nicht gibt. Wir sind schon so lange unterwegs und haben so viele Fans, die uns auch über Mund-zu-Mund-Propaganda weiterempfehlen. Es macht immer viel Spaß, in Deutschland zu spielen.

Stichwort Hausmusik. Das Label musste Ende 2007 schließen, es hat sich nicht mehr gelohnt.

John Convertino: That's really sad. Ich habe Hausmusik sehr gemocht. Sie hatten das Ziel, ein echtes Gefühl für die Musik zu behalten. Dass dieses Label geschlossen wurde, ist sehr typisch für die heutige Zeit. Es zeigt, wohin die Musik geht. Und das ist traurig. Ich habe das Gefühl, dass es vielleicht noch eine Umkehr gibt, dass die Leute müde oder krank von der Kälte der MP3s und dem Downloaden sind, dass sie vermissen, ein ganzes Album zu hören. Wir gehören immer noch zur 'old school', schreiben Titel, die zusammen gehören und wir stellen ein Album unter einem Thema zusammen. Das ist leider nicht mehr die Art, wie die Leute heute Musik hören.

Vielen Dank für das Gespräch! [hb]


Verweise auf diesen Artikel aus spteren Ausgaben:


Permalink: http://schallplattenmann.de/a117426


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