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[ Inhalt ]Ausgabe #320 vom ..
Rubrik Feature

Willy DeVille, 13.11.02, Nürnberg, Löwensaal

Es gibt ja wenige Dinge in unserer Computer-animierten Zeit, die wir uns wirklich nicht und unter gar keinen Umständen vorstellen können. Marsmenschen im Weißen Haus? Fallschirm springende Minister? Alles kein Problem. Aber ein Bild würde selbst bei der perfektesten Fotomontage unglaubhaft wirken: Willy DeVille im Trainingsanzug beim Unkraut jäten.
Wie er da lässig auf dem Flügel lehnt, sich graziös durch die schwarze Mähne fährt oder sich mit perfekter Eleganz einen Fussel von der Hose streicht – der Mann ist der unumstrittene Meister der eitlen Pose. Schon wie er sich eine neue Zigarette ansteckt, ist ein Ereignis. Diese Art der Selbstinszenierung ist schon immer ein festes Ritual bei DeVilles Konzerten; sein Publikum liebt ihn dafür und der Künstler gibt ihnen was sie wollen – den absoluten Willy.
Dabei übersieht man leicht, dass der Mann einer der am sträflichst unterbewerteten Songschreiber der Popgeschichte ist und – zumindest bis vor einigen Jahren – auch einer der besten Sänger. Bei seinem Konzert im Nürnberger Löwensaal war unüberhörbar, dass die Millionen Lucky Strikes und hunderte Fässer Bourbon-Whiskey ihren Weg nicht spurlos durch seine Kehle gewandert sind. Da ist der Gentleman gut beraten, seine reguläre Live-Band gegen ein exquisites Acoustic-Trio zu tauschen, das seinem heiseren Organ genügend Raum zur Entfaltung lässt. Mit seinen ausgezeichneten Begleitern Seth Farber (Piano) und David Keyes (Kontrabass) singt sich DeVille durch ein gut zweistündiges Programm aus Blues- und Soul-Klassikern, sowie einigen ausgewählten Eigenkompositionen. Wenn er sich zwischendurch an einem Slide-Gitarren-Solo versucht, klingt das eher rudimentär als gekonnt, aber wen stört das, solange seine Stimme immer noch aus normalen Frauen schmachtende Verehrerinnen und aus den dazugehörigen Männern röhrende Platzhirsche macht. Die penetranten Zwischenrufe (gibt es etwas Schlimmeres als fränkelndes Englisch?) pariert er souverän mit knochentrockenem Humor. Bei früheren Konzerten hat der Sänger einem Störenfried schon mal mit blanker Faust verdeutlicht, was ein echter Mann ist. Heute plaudert er entspannt vor sich hin wie ein reifer Chansonnier und kokettiert selbstironisch mit seiner eigenen Eitelkeit. Die Milde des Alters...
Die schönste Szene spielt sich zum Schluss des Konzertes ab: Eine sichtlich aufgelöste Dame sitzt am Bühnenrand zu DeVilles Füßen und streckt ihm sehnsuchtsvoll die Hand entgegen. Als ein Ordner sie entfernen will, gebietet der charmante Dandy diesem Einhalt, nimmt sein Weinglas und prostet seiner Ergebenen gönnerhaft zu. Dann taucht er in die magische Welt seines Klassikers "Heaven Stood Still", und der Himmel tat, wie ihm geheißen. [pg]


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