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[ Inhalt ]Ausgabe #588 vom ..
Rubrik Texte - lesen oder hören

Haruki Murakami "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah"

Hörbuch – Vollständige Lesung des ersten Teils der Murakami-Kurzgeschichtensammlung "The Elephant Vanishes"
(5CD; Audio-Verlag)

Als ich eines schönen Morgens im Sommer 1999 das 100%ige Buch fand, waren es eigentlich zwei: Die damals noch im Berlin Verlag erschienenen Kurzgeschichtensammlungen "Der Elefant verschwindet" (1998) und "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" (1999) von Haruki Murakami. Es war der Beginn einer Leidenschaft, die inzwischen auch für andere 'Japaner' brennt. Dabei ist Murakami ein eher untypischer japanischer Autor, denn im Gegensatz zu seinen schreibenden Zeitgenossen wie Yoko Ogawa, Ryu Murakami (nicht verwandt), Hitonari Tsuji, Taichi Yamada oder Banana Yoshimoto, hat er keine japanischen Vorbilder. Seine literarischen Helden heißen Raymond Carver, Franz Kafka, Raymond Chandler, Gabriel Garcia Marquez und Kurt Vonnegut. Damit ist er in seiner Heimat natürlich ein Außenseiter; allerdings ein äußerst erfolgreicher.
Murakami-Geschichten haben einen ganz selbstverständlichen musikalischen Rhythmus. Der Autor erschafft seine Werke wie ein Komponist und ist bekennender Jazz- & Pop-Fan. Das erklärt, weshalb so viele Song-Titel in seinen Werken auftauchen. Das gilt natürlich auch für die Kurzgeschichtensammlung "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah". Da wird schon mal erwähnt, dass gerade im Hintergrund eine Platte von Burt Bacharach läuft oder das neue Album von Herbie Hancock. Gelegentlich stehen Songtitel auch sehr treffend anstelle von genaueren Zeitangaben. Die Titelgeschichte spielt z.B. als Jim Morrison "Light My Fire" und Paul McCartney "The Long And Winding Road" sangen.
Themen und wiederkehrende Konstanten bei Murakami sind Vereinsamung, verlorengegangene Gefühle, verhinderte Paare, Zufallsbegegnungen, die Liebe, Musik, Sex, Zigaretten, Bier, Spaghetti. Kurz: Das, was man Schicksal nennt. Einige der Geschichten sind so merkwürdig wie das Leben selbst. Dazu kommen surreale Elemente, Rätselhaftes, Gespenstisches. Japan ist schließlich ein Land, in dem es mehr Geister als Einwohner gibt. Die Protagonisten sind routinierte Stoiker, oft im richtigen Moment am richtigen Ort, merken es aber nicht. Diese etwas anderen Einzelgänger oder Paarhälften sind wahre Meister der verpassten Chancen. Das hält sie aber selten davon ab, lakonisch durch ihr Leben aus realistischen Träumen und traumhafter Wirklichkeit zu tanzen.
»Murakami ist ein großer Erzähler der kleinen Dinge und Tragödien. Aber aufgepasst, dieser Verführer ist auch manchmal tückisch und abgründig.« Er, der auch sehr schöne Romane schreiben kann ("Naokos Lächeln", "Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt"), ist für viele vor allem ein Großmeister der kurzen Strecke. Ein genauerer, kühnerer Murakami als der der Kurzgeschichten ist nicht zu haben; nicht umsonst greifen auch die Romane immer wieder auf diese zurück.
In "Der letzte Rasen am Nachmittag", eine der unvergesslichsten Geschichten Murakamis, wird der namenlose Protagonist am Ende das Einzige was er wirklich gerne tut, lange Jahre (vielleicht für immer) nicht mehr tun. Murakami gelingt hier ein atmosphärischer Sog, der bereits nach wenigen Zeilen in das Erzählte zieht. Man fühlt die seltsame Melancholie des alten Hauses, den Schweiß des Rasenmähermanns, riecht das geschnittene Gras, spürt die brennenden Strahlen der Sommersonne auf der Haut. Leben ist wie Rasen mähen.
"Familiensache" ist eine ebenso humorvolle wie tiefgreifende Suchgeschichte. Zwei Geschwister teilen sich in der Großstadt eine gemeinsame Wohnung. Als der Verlobungskandidat der Schwester auftaucht, machen sich alle auf die Suche: Nach der richtigen Richtung, dem richtigen Leben und dem richtigen Partner. Wo sich die Schwester an Traditionen versucht, verliert der Bruder erstmal den Überblick über seine Freundinnensammlung und sinniert bei Bier über das Älterwerden. Zweisam, dreisam, einsam.
"Das Schweigen" handelt von einem angehenden Boxer, dem es auch auf Moral und innere Stärke ankommt, der sich aber in der Schule mit einem erfolgsverwöhnten Blender auseinandersetzen muss, der wiederum ein Meister der Gerüchteverbreitung ist. Murakami gelingt eine denkwürdige »Geschichte über Ausgrenzung, Manipulation und Rechtsempfinden«. Schule als Kampfplatz unterschiedlicher Lebensmodelle.
"Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" ist die traurige Geschichte einer doppelt verpassten Chance. Zwei junge Menschen begegnen dem 100%igen Glück – und erkennen es nicht. 14 Jahre später treffen sie sich zufällig wieder – und laufen aneinander vorbei. Der Ich-Erzähler findet einfach nicht den richtigen Satz, um die junge Frau anzusprechen. Diesen beiden Zauderern kann nicht einmal mehr Zauberer Murakami helfen.
Das kafkaeske "TV-People" erzählt von blaugekleideten Monteuren, die ungefragt Fernsehgeräte in verschlossene Wohnungen liefern und später ein Flugzeug bauen, das nicht wie eines aussieht. Ist alles nur ein Traum? Dann verschwindet auch noch die Ehefrau. Da bleibt dem Protagonisten nur noch der Griff zur Bierdose. Magischer Realismus trifft jenseits weißen Rauschens auf zerbröselnde Realität.
Die Sammlung enthält vier weitere Geschichten, die zwar nicht zum Niveau der erwähnten aufschließen, aber aus anderen Gründen interessant sind. Diese klugen Petitessen reflektieren z.B. europäische Fabeln oder erweisen sich als Vorstufe späterer Romanprojekte Murakamis.
Ein Hamburger Steak spielt in "Das Fenster" ein wichtige Rolle. Daneben geht es um verpasste Gelegenheiten und übrig gebliebene Menschen. "Lederhosen" will eine japanische Touristin ihrem Gatten mitbringen und findet stattdessen ihre lange verschüttete Selbständigkeit wieder. Durch Beinkleider in die Freiheit. In "Der tanzende Zwerg" geht es zunächst durch eine Fabrik für Elefanten, dann in einen Faust-Rumpelstilzchen-Albtraum mit unerwarteten Wendungen. Dort trifft der Ich-Erzähler neben einem Zwerg mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auch eine blondierte Maid, die zu schön ist um wahr zu sein. "Das grüne Monster" ist eine Art Mini-Godzilla-Froschkönig, der um die Gunst einer verheirateten Hausherrin bettelt. Die ist allerdings recht unwillig und ringt den grünhäutigen Schuppenträger mit brutaler Vorstellungskraft nieder. Der Autor will sagen: Königskinder mögen wohl Frösche küssen, japanische Hausfrauen denken nicht mal daran.
Souverän (und ganz ohne Kürzungen) wird der erste Teil der Murakami-Kurzgeschichtensammlung von Devid Striesow, Jona Mues, Sonja Beiswenger, Thorsten Hierse und Konstantin Graudus erzählt. Diese Vorleser wünscht man jedem Hörbuch. Auch bei einer üppigen Spieldauer von knapp sechseinhalb Stunden gibt es kein Durchhängen. Devid Striesow hat ein bisschen Heimvorteil, denn mit ihm, der fünf dieser Geschichten in einem scheinbar aus der Hand geschüttelten, wunderbar beiläufigen Ton erzählt, darf man am längsten zusammen sein.
Bleibt zu hoffen, dass auch der andere Teil ("Der Elefant verschwindet") demnächst als ebenbürtige Hörbuch-Edition veröffentlicht wird. Dann kann man feststellen, wie sich einige der Geschichten spiegeln oder interessante Erzählungspaare bilden. [gw: @@@@@]



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