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[ Inhalt ]Ausgabe #565 vom ..
Rubrik Texte - lesen oder hören

Joseph Conrad / Michael Köhlmeier "Herz der Finsternis"

Hörspiel vom Ablegen der Zivilisation und vom Ableben der zu Zivilisierenden oder: Die Wilden sind wir!
(CD; Hörverlag)

Am Ende war der Autor nicht zufrieden mit seinem düsteren Werk. Wohl weil sich das aufgedeckte Grauen über menschliche Gräuel einer schöngeistig belletristischen Behandlung entzog; weil hier, anders als bei seinen übrigen Geschichten vom Scheitern des Einzelnen am Schicksal ("Lord Jim", "Sieg", "Nostromo", "Almayers Luftschloss") die Umwandlung moralischer Themen in lustvolle Abenteuerlektüre nicht gelang; ja nicht gelingen konnte. "Herz der Finsternis" blieb auch Joseph Conrads einziges Werk ohne Untertitel, obwohl 'Eine wahre Geschichte' sich dort sehr gut gemacht hätte.
Der titelgebende Ort ist geographisch die undurchdringliche zentralafrikanische Waldwüste, aber ebenso das sorgsam versteckte Zentrum des menschlichen Seins. Der Mensch, im Innersten ganz aus Tier gemacht, kann trotz Zivilisationsfirnis niemals seine animalischen Bausteine abschütteln. Der wilde Affe lässt sich verstecken, nicht exorzieren.
"Heart of Darkness" (so der Originaltitel, 1902), das auf eigenen Aufzeichnungen Joseph Conrads beruht ("Up-river Book", "Das Kongo-Tagebuch") und sich auf kritische Zeitungsberichte über einen verschwiegenen Völkermord bezieht, wurde zu seinem bedeutendsten Werk. Und dies obwohl das dünne Büchlein zu einem recht kantigen Lesebrocken geriet.
Der Autor arbeitet mit ausgedehnten Reflexionen seines Helden Marlow, streut beängstigende Landschaftsbeschreibungen ein und verzichtet weitgehend auf Dialoge. Sein wichtigster Protagonist, Herr Kurtz, kommt gerade ein gutes Dutzend mal zu Wort. Zwar als Abenteuer-Klassiker vermarktet, erweist sich "Herz der Finsternis" viel eher als existenzielle Unternehmung, als ein Abstieg in die Abgründe der Seele. »Das Leben ist ein Wald, in dem niemand den Weg kennt und man bereits verloren ist, während man noch ruft: Ich bin gerettet!«
Vorgeschichte: Während Europa gerade die Rückkehr Stanleys feierte, der im Dschungel Berge von Toten hinterlassen hatte, nahm der noch ahnungslose polnische Kapitän Joseph Conrad 1989 das Angebot an, einen Flussdampfer auf dem Kongo zu führen. Acht Monate Afrika und seine Erlebnisse in der belgischen Kolonie führten zu einer kritischen Haltung gegenüber den Aktivitäten der Europäer. Belgiens König Leopold II., der als hervorragender Diplomat und Geschäftsmann galt, war »ein würdig aussehendes Monster in Frack und Zylinder«, das mit seinem Vollbart wie ein gutmütiger Weihnachtsmann auftrat. Bemerkenswert waren seine Aktivitäten im Kongo, dessen persönlicher Eigentümer er 1885 durch das gegenseitige Ausspielen der Großmächte wurde. »Während der menschelnde Monarch der Welt den Philanthropen vorgaukelte«, verwandelte sich das Land in ein riesiges Arbeits- und Folterlager. Als man ihm 1908 den Kongo wieder wegnahm, standen den Gewinnen von einer Milliarde Dollar der Verlust von etwa zehn Millionen Menschenleben gegenüber. Der königliche Belgier wurde zum meistgehassten Europäer und belegt in der Rangliste der Massenmörder den dritten Platz; gleich hinter Hitler und Stalin.
Für Joseph Conrad hatte sich damit das skrupellose Zusammenspiel von kapitalistischer Expansion, technischem Fortschritt und Imperialismus enttarnt. Die Wilden sind wir! Er notiert: »Der Mensch ist ein wildes Tier und dessen Bösartigkeit muss organisiert werden. Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz und die Gesellschaft ihrem Wesen nach kriminell.«
In der literarischen Bewältigung dieser realen Ereignisse lässt Joseph Conrad sein Alter-Ego, Kapitän Marlow, im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft tief in den Kongo reisen. Dabei gerät seine Unternehmung immer mehr zur Reise in den Abgrund des eigenen Unterbewusstseins. »Der Fluss, diabolisch und unheimlich wie eine Schlange, führt immer weiter fort vom Licht der Zivilisation, hinein in die Dunkelheit der Wildnis, in das Herz der Finsternis und zum Zentrum des Bösen«, jenseits von Moral und Menschenrechten. Auf einem der Vorposten hört Marlow von Kurtz und seinen ungewöhnlich erfolgreichen Geschäften, aber auch von den gewissenlosen Machenschaften auf dessen Station. Schließlich wird er beauftragt, den Elfenbeinagenten, »der für die Zivilisation sowie ihre barbarische Negation durch die Gräuel des Kolonialismus steht« und der für die mächtige Handelsgesellschaft inzwischen zu einem ernsten Problem geworden ist, zu treffen und zurückzubringen. Falls erforderlich, auch mit Gewalt.
Als es Marlow tatsächlich gelingt Kurtz' Station zu erreichen, ist er entsetzt und fasziniert zugleich. Dennoch schreckt er vor dem letzten Schritt zurück, als er im Schatten dieser paradiesischen Hölle den maßlosen Größenwahn Kurtz' erkennt. Der Dschungeldespot geht zugrunde, weil er sich den von ihm selbst geschaffenen triebhaften Riten nicht (mehr) gewachsen zeigt. »Wir nähern uns den Eingeborenen mit der gewaltigen Macht von gewalttätigen Göttern« und »Schlagt diese Bestien alle tot!« lautet ein Postskriptum, das der verwirrte Menschenschlächter Kurtz seinem Bericht für die 'Internationale Gesellschaft zur Unterdrückung wilder Bräuche' beigefügt hat. Im Angesicht des eigenen Todes erkennt Kurtz das Grauen, den entsetzlichen Abgrund in sich selbst. Seine letzten Worte lauten »The Horror! The Horror!«. Auch der traumatisierte Marlow steht vor einem Abgrund. Seine Reise ins Herz der Finsternis endet mit einer Flucht, weg von einer schrankenlosen Leidenschaft, die den Tod bedeutet, hinein in ein gedämpftes Leben nach London.
Die bislang einzige deutschsprachige Hörspieladaption dieses berühmten Klassikers entstand 1990 im Auftrag des ORF und wurde vom österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier mit den Sprechern Bernd Rumpf (Synchronstimme von George Clooney und Liam Neeson) und Hans Gerd Kübel unter Verzicht auf die von Joseph Conrad gewählte Rahmenhandlung eingerichtet. In mehrfacher Hinsicht ein Glücksfall, wie sich herausstellt, denn Köhlmeiers Hörspielfassung, die die Erzählung in eine Art Abschlussbericht der Hauptfigur gegenüber einem namenlos bleibenden Beamten verwandelt, konzentriert sich in beeindruckender Weise auf das Zentrum von Joseph Conrads Anliegen: dem Panorama schrankenloser Gier und hemmungsloser Gewalt, offenbart durch das Ablegen der Zivilisation und dem Ableben der zu Zivilisierenden; eine Abrechnung mit Heuchelei und Kolonialismus. »Es war ganz einfach Raub unter Anwendung von Gewalt, Mord in großem Stil und ohne mildernde Umstände.« Ganz Europa war am Zustandekommen dieses Herrn Kurtz beteiligt gewesen, der selbstverständlich nichts anderes als ein Portrait des leibhaftigen Königs Leopold II. ist.
"Herz der Finsternis" in der einstündigen Hörspielbearbeitung von Michael Köhlmeier ist ohne jeden Zweifel ein Prunkstück im umfangreichen Programm des Hörverlags und zeigt sich seiner literarischen Vorlage in jeder Hinsicht ebenbürtig. Sehr lesenswert ist auch das 23-seitige Nachwort des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer im Booklet der CD. [gw: @@@@@]



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