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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #537 vom 04.06.2007
Rubrik Kolumne

Sal's Prog Corner #63

Der Frühling scheint mir ein wenig ins Stocken geraten zu sein, der Sommer noch fern, die Regierung eiert herum, im Fernsehen laufen nur Wiederholungen und die Charts erreichen mit der Dauer-Nummer-Eins von DJ-Ötzi einen traurigen Geschmacklosigkeits-Tiefpunkt.
Aber es gibt auch Erfreuliches zu berichten: Die weite Szene des 'Progressive Rock' wummert geschäftig und produziert, neben den üblichen 08/15-Veröffentlichungen auch jede Menge interessante und hörenswerte Neuigkeiten. Heute gibt es Konventionelles, Abgedrehtes, Exotisches und Rares. Wie immer wünsche ich viel Vergnügen beim Lesen: Keep on proggin'. [sal]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


Dream Theater "Systematic Chaos"

Prog-Metal – Alles in systematischer Ordnung
(CD, CD+DVD; Roadrunner)

Alle Jahre wieder gibt es Neues von Dream Theater, den unbestrittenen Szene-Platzhirschen. Im steten Wechsel zwischen Studio- und Live-Alben kredenzt das New Yorker Quintett seinen zahlreichen Fans ein technisch perfektes Menü aus Progmetal plus X, wobei das 'X' je nach Album variieren kann, aber nicht muss.
Auf ihrem nunmehr neunten Studioalbum liefern – wen wundert's? – Dream Theater einmal mehr den Beweis ihrer außergewöhnlichen Fingerfertigkeiten ab. Verpackt wird der spieltechnische Wahnsinn in mehr oder minder Dream-Theater-typische Kompositionen (bitte nicht auf die Texte hören, sonst wird es peinlich!). Es gibt ein bisschen von allem: Knüppelharte Songs mit Metallica- und Opeth-Referenzen, dazu ein paar softere Stücke und die immer wieder gern genommene Referenzen an Pink Floyd und Rush.
Unterm Strich ist das alles beileibe nicht schlecht gemacht, klingt aber sehr nach bereits anderswo (und teilweise besser) abgeliefertem Material. Alles in allem ist "Systematic Chaos" ein solides Dream-Theater-Album, kein Meilenstein (trotz gegenteiliger Beteuerungen): Futter für die (Fan-)Meute. [sal: @@@]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


Devin Townsend "Presents: Ziltoid the Omniscient"

Prog-Metal – Sci-Fi-B-Movie-Kitsch plus Low-Fi-Metal: großartig!
(CD, 2CD; InsideOut)

Devin Townsend spinnt. Dies ist nicht erst seit "Devin Townsend presents: Ziltoid the Omniscient" bekannt, aber noch nie hat er seinen Irrsinn so auf die Spitze getrieben wie auf diesem Sci-Fi-Konzeptalbum (sic!). Der außerirdische Nerd Ziltoid, stets auf der Suche nach der ultimativen Tasse Kaffee (noch mal sic!), schreckt nicht davor zurück, seine Enttäuschung über das irdische Schlabberwasser mit der einzig angemessenen Strafe zu beantworten: Der kompletten Zerstörung der Erde. Leider stellt sich Ziltoid etwas dusselig an und wird von Captain Spectacular im Handumdrehen daran gehindert. Wie es weitergeht, wird an dieser Stelle nicht verraten. Was für eine Story!
Auf "Ziltoid the Omniscient" überzeugt Devin Townsend konzeptuell und musikalisch, trotz 'abgerüsteter' Technik: Townsend spielte alles mit minimalem Equipment im Kellerstudio ein, durchgeknallte Drumcomputer-Programmierung inklusive. Das Ergebnis, dieses kultige 'Geek-Musical', klingt wirklich so, als ob ein Alien bei einer Metalband mitmischen würde. Dass Devin Townsend dies locker in Personalunion schafft, belegt die Genialität und die Einzigartigkeit von 'Hevy Devy'. Ich würde mir wünschen, die (Prog-)Metal-Szene würde öfter so viel Humor und Können beweisen.
Dies ist die beste Prog-Metal-CD, die mir dieses Jahr untergekommen ist. [sal: @@@@@]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


Amarok "Sol De Medianoche"

Spannender Folk-Prog aus Spanien
(CD; Progrock)

Die katalanische Band Amarok gründete sich bereits 1990 und legt heuer mit "Sol De Medianoche" ihr bereits siebtes Album vor. Dennoch blieb die Band bisher im Ausland weitgehend unbeachtet. Ihr neues, international agierendes Label, sollte diesen Zustand bald ändern, denn ihre kreative Mischung aus klassischem Prog mit Folk-Einflüssen wirkt erfrischend anders.
Auf "Sol De Medianoche" ("Mitternachtssonne") addieren die sechs Musiker unter der künstlerischen Leitung des Bandkopfes und Multiinstrumentalisten Robert Santamaria zu ihren 'heimatlichen' mediterranen Folk-Einflüssen auch keltische und osteuropäische Elemente. Das Ergebnis ist sowohl melodisch, als auch rhythmisch ungemein spannend. Hinzu kommt, dass der Band mit Marta Segura eine exzellente Sängerin vorsteht und die Musik mit teilweise exotischen Instrumenten wie Saz, Didgeridoo, Hackbrett, Kanun (eine orientalische Zither), diversen Flöten und Violinen sehr farbenfroh gestaltet wird: Amarok sind eine echte Entdeckung. [sal: @@@@]


Spaltklang "Lontano"

Quelle: http://www.fazzulmusic.ch/

Verspielter Avantgarde-Jazz aus der Schweiz
(CD; Fazzul)

Markus Stauss ist hierzulande leider ein fast völlig unbekannter Name, dabei macht der exzellent ausgebildete Saxophonist seit vielen Jahren mit diversen Projekten die Jazz- und Avantgarde-Szene in der Schweiz und in Europa unsicher. Stauss überzeugt bei all seinen Projekten durch kompromisslose Technik, gepaart mit Spielfreude und Experimentierfreudigkeit.
Geradezu frenetisch ist sein Spiel bei seiner aktuellen Quartett-Formation Spaltklang. Deren drittes Album "Lontano" verbindet Elemente der Minimal Music, des Free-Jazz sowie der Avantgarde (eine vierteilige Suite ist explizit John Cage gewidmet), mit teilweise osteuropäisch anmutenden, komplexen Rhythmen und Melodien und Elementen des RIO ("Rock in Opposition", eine avantgardistische Spielart des Progressive Rock). Was in der Beschreibung hier nach fast unhörbarer Musik klingt, erweist sich auf "Lontano" als überaus vergnüglich und unterhaltsam, trotz (oder doch wegen?) all der Musiktheorie, die hinter den ausgefeilten Kompositionen und Arrangements steckt. "Lontano" ist die Scheibe für all jene, die normalerweise vor Alben mit Etiketten wie Free-Jazz, Avantgarde und RIO Reißaus nehmen.
Unbedingt hörenswert sind auch Markus Stauss' andere musikalischen Projekte: Zauss, Ulterior Lux, Trank Zappa Grappa in Varese? (!) und natürlich sein Mitwirken bei der italienischen Avantgarde-Band Yugen. [sal: @@@@]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


Rational Diet "Rational Diet"

Quelle: http://www.altrock.it

RIO – Weissrussische Avantgarde
(CD; Altrock)

Wer wüsste hierzulande schon viel über die weißrussische Rock-Szene, gar über die nicht-kommerzielle? Selbst das italienische Label Altorock des weißrussischen Sextetts Rational Diet weiß nicht viel über seine Schützlinge. Selbstredend hat man sich niemals in persona getroffen: Im Zeitalter der digitalen Kommunikation ist ein Album-Release schon lange ohne persönliche Kontaktaufnahme möglich.
Wenn man also keine Fakten über die Musiker selbst hat, fällt es einem umso leichter sich auf die Musik zu konzentrieren. Und das was man auf dem Debütalbum von Rational Diet zu hören bekommt, ist allemal hörenswert. Die Band verbindet 'westliche' Einflüsse der Rock-in-Opposition-Tradition mit osteuropäischen Folklore-Elementen und Zitaten moderner osteuropäischer Kammermusik. Dazu werden Texte von futuristischen Dichtern rezitiert oder mit kehliger Stimme Volksweisen gesungen. Das alles klingt so fremd, so faszinierend, so anders, dass das Album einen nicht mehr loslässt.
Sicher, hie und da hätte ich mir im Hinblick auf die Aufnahmequalität ein besseres Studio gewünscht, aber bedenkt man die begrenzten technischen Möglichkeiten einer Underground-Produktion in Osteuropa, dann klingt das Album sogar erstaunlich gut. Der Bedeutung dieser Veröffentlichung tut dies allerdings keinen Abbruch: ein spannender Blick in eine immer noch verborgene Musikkultur. [sal: @@@@@]


Saga "Worlds Apart Revisited"

Neo-Prog/Melodic Rock – Schönes Abschiedsgeschenk
(2CD, 2DVD, 2CD+2DVD; InsideOut)

Seit 30 Jahren rockt die kanadische Band Saga durch die Welt, zumindest live stets überzeugend und nach einer Durststrecke seit einigen Jahren auch im Studio wieder mit ordentlichen Ergebnissen. Anfang 2007 gab der charismatische Sänger Michael Sadler seinen Ausstieg zum Jahresende bekannt und obwohl es noch nicht offiziell ist, bedeutet dies wohl faktisch das Ende der Band, selbst wenn die verbleibenden Musiker es vielleicht doch mit einem anderen Sänger versuchen sollten.
Als Abschiedsgeschenk an die Fans kehrt das Quintett noch einmal zu jenem Album zurück, dass 1981 der kommerzielle Durchbruch für die Band war: "Worlds Apart". Auf "Worlds Apart Revisited" spielt die Truppe das komplette Erfolgsalbum live noch einmal ein. Dieses wird eingebettet von weiteren Fan-Favoriten und einigen seltener gespielten Tracks. Sowohl die Stimmung, als auch der Sound der Aufnahmen transportieren Sagas herausragende Live-Qualitäten – ein perfekter Abschluss von drei Dekaden Bandgeschichte.
Vielleicht braucht man gar nicht viele Alben der Band, dieses Doppelalbum allerdings ist besser als jede Best-Of-Scheibe und stellt einen exzellenten Überblick dar. [sal: @@@@]


Verweise auf diesen Artikel aus späteren Ausgaben:


The Free Zen Society "The Free Zen Society"

Ambient/Jazz – entspannend, nicht einschläfernd
(CD; Thirsty Ear)

Unter dem Namen 'Ambient' wird heutzutage viel zu oft billigst gemachter Keyboard-Müll veröffentlicht, der den Hörern angeblich Entspannung und innere Ausgeglichenheit verschaffen soll, in Wirklichkeit aber nur einschläfernd oder gar enervierend wirkt. Völlig anders ist da die Musik der Free Zen Society, einem mit amerikanischen Avantgarde-Jazzern hochkarätig besetzten Quartett.
Matthew Shipp (p), William Parker (b), Zeena Parkins (harp) und Peter Gordon (keyb) spielen eine wirklich inspirierte Mischung aus meditativen Melodien und Klangcollagen. Die Musik hier entwickelt sich langsam, aber stetig; sie hastet nicht durch zahllose Geistesblitze, wiederholt sich aber auch nicht. In den acht Stücken steckt ein ruhiger, aber stetiger Wandel. Das Faszinierendste an diesem Album ist, dass es sich einfach nicht abnutzt, obwohl es so still und so leise daherkommt, und man auch beim dreißigsten Durchlauf immer noch neue Klänge und Klangebenen entdeckt. [sal: @@@@]


@@@@@ - potentieller Meilenstein: Starlight
@@@@ - definitives Highlight: Highlight
@@@ - erfreuliche Delikatesse: Delight
@@ - solides Handwerk: Solidlight
@ - verzichtbarer Ausschuss: Nolight


(cc) 1996-2016 Einige Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/.

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