Hinweis: Ihr Browser unterstützt nicht alle grundlegenden Web-Standards, und deshalb sehen Sie diesen Hinweis und das Layout nur in Auszügen. Bitte verwenden Sie einen aktuelleren Browser.

Keine Anzeige
LogoSeit 1996: Aktuell und unabhängig!

[ Inhalt ]Ausgabe #497 vom ..
Rubrik Feature

Niobe im Interview: Die wunderbare Welt der Yvonne Cornelius

"Ich will meine Hörer in eine glitzernde Parallelwelt ziehen."

"Bemerkenswert originell" nennt JAZZthetik die Musik der Sängerin Niobe. Der Rolling Stone lobt sie als "Mischung aus CocoRosie und Lauryn Hill". KölnInside nennt Niobe gar den "wichtigsten weiblichen Exportschlager für elektronische Musik aus der Domstadt". Jetzt ist ihr drittes Soloalbum "White Hats" erschienen. Grund genug, die hübsche Sängerin zum Gespräch zu bitten.

Volker Wilde: Du heißt Yvonne Cornelius, ein schöner Name. Warum hast du dir den Künstlernamen 'Niobe' zugelegt? In der griechischen Mythologie wurden Niobe die Kinder gemordet, weil sie überheblich war. Niobe erstarrte vor Schmerz und noch als steinerne Säule vergoss Niobe ihre Tränen.

Niobe: Niobe tat mir unendlich leid, als ich als Teenie ihre Geschichte las. Für mich war Niobe ein Opfer, das zum Täter abgestempelt wurde. Das empfinde ich bis heute so. Mit 14 glaubte ich noch an Gerechtigkeit und wollte Niobe rächen. Mit diesem Pseudonym gedenke ich ihrem Schicksal. Einfach der puren Schönheit willen, der Musik willen und überhaupt aus Liebe zum Guten?

Ich habe dich vor zehn Jahren in der Kölner Musikszene als eine Sängerin kennengelernt, die ähnlich wie Marilyn Monroe, nicht alle Strophen und Refrains eines Songs in einem Rutsch singen mochte, sondern kleine Teile nacheinander aufgenommen hat. Bist du daher lieber im Studio als auf der Bühne?

Niobe: Ich brauche sehr lange für ein gutes Musikstück. Das kann viele einsame Tage mit sich bringen. Bis ich soweit bin, nach vielen Fehlerbeseitigungen das Gebaute zu akzeptieren, haben andere längst ein Album fertig.
Auf der Bühne wiederum muss ich hochkonzentriert und perfekt meine Einsätze beherrschen. Just wenn der Strophen-Absprung geschafft ist, setzt ruckzuck ein Streichersatz oder auch mal ein Kuckucksruf als Antwort ein. Hinkt die Strophe aber hinterher, ist das Lied kaputt, Sängerin verwirrt und Publikum verzweifelt. Keiner ist sich mehr sicher, ob der Kuckuck zu früh oder der Chanteuse Einsatz zu spät kam! (lacht) Mittlerweile liebe ich Konzerte vor Publikum ebenso wie allein im Studio zu arbeiten.

Du arbeitest auf "White Hats" mit fünf verschiedenen Musiker-Produzenten zusammen. Wo hockt die Kölner Szene?

Niobe: Es gibt ja bekanntlich mehrere Szenen. Aber keine, in der ich meine Mit-Musiker einordnen könnte. Mich verbindet mit jedem Beteiligten auf "White Hats" eine wunderbare, lange, relaxte Freundschaft: Wechsel Garland wird uns immer wieder mit seinen traumhaften Streichern beglücken. St. Lindemer wird Gitarren spielender Tiefseetaucher. Marcus Schumacher wird Comiczeichner. Und Janeta Schude Primaballerina im Texttanz. Bastian Wegner ist ja sowieso schon 'Everybody's Beat Darling'.
Die Szenen hier in Köln sind ansonsten cool und liebenswert. Meine Wenigkeit zieht allerdings die Einsamkeit vor und sieht sich mehr als Studiohocker.

Den letzten Track auf "White Hats" namens "Cool Alpine" kenne ich aus 1994, habe sogar noch eine hinreißende Acid-Jazz-Dancefloor-Version auf Cassette. Wie kommt es, dass "Cool Alpine" erst nach 12 Jahren veröffentlicht wird?

Niobe: Ja, es ist richtig, es gibt viele Versionen von "Cool Alpine". Ich träume hin und wieder die gleichen Träume. Die wechseln sich bei mir ab wie beim Staffellauf, nur bin ich dabei der Stab im Wechsel(t)raum. Ich bin sehr, sehr froh, dass dieses "Cool Alpine" endlich mal auf ein Album passt!

Der bunte, blumige Stilmix auf "White Hats" klingt nach einer Frau, die "Die wunderbare Welt der Amelie" in sich trägt?

Niobe: Ich habe diesen Film nie gesehen aber dafür genügend paradiesische Orte dieser Welt besuchen dürfen.
So träume ich also von meinen Reisen und setze sie in meine Musik um. Doch da gibt es noch mehr Inspirationen wie die Malerei aus dem 'Fin de Siecle'. Der Symbolismus verzückt mich sehr. Meine tiefe Liebe gilt den Gemälden von Arnold Böcklin und J.W. Waterhouse. Auch ertrage ich nur schöne Filme mit Happy-End und genieße Shakespeares, Goethes und Heines Welten.

Du bist seit über zehn Jahren mit dem Kölner Maler Leif Trenkler zusammen. Teile des neuen Covers sind von ihm. Verändert er dich als Musikerin?

Niobe: Leif und ich sind jetzt sehr, sehr lange zusammen und haben viel gemeinsam erlebt und gesehen. Er ist einer der faszinierendsten Maler, die ich kenne. Seine Tiefe, sein Wissen sind immer neue Inspirationsquellen für mich.

Kannst du durch diese Projekte von deiner Musik leben?

Niobe: Solange die Popgruppen, für die ich komponiere und einsinge fair und korrekt bleiben, kann ich von meinen Urheberrechten leben. Ich verzichte meist auf Gagen, da sich die meisten Musikgruppen das nicht leisten können. Ich bestehe aber im Gegenzug immer auf faire Kompositionsanteile. Funktioniert eigentlich immer reibungslos. Einmal jedoch wollte sich eine sehr bekannte Musikgruppe partout nicht an diese Vereinbarung halten und drohte mir. Daraufhin musste ich per Anwalt nicht nur um meine Urheberrechte kämfen, sondern auch noch gegen massive Rufmordandrohung. Ich habe zwar den Rechtstreit gewonnen, doch das Mobbing fand kein Ende. Cool it.

Welche Musik schafft es dich zu trösten?

Niobe: Musik, die mir Licht ins Dunkel bringt? Henry Mancini, jiddische Musik, Franz Josef Degenhardt... und die Titelmelodie von der Serie "Magnum". Funken der Hoffnung springen auch, wenn ich Johann Sebastian Bach höre, die "Pulcinella Suite" von Strawinsky oder Gustav Mahler.
Ich sehe es aber als einen Auftrag an mich selbst an, Musik zu schaffen, die die Menschen glücklich und zu Entführten meiner musikalischen Erzählungen macht, die sie in eine glitzernde Parallelwelt ziehen.

Vielen Dank für das Gespräch. [vw: @@@]



Permalink: http://schallplattenmann.de/a114850


(cc) 1996-2016 Einige Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/.

http://schallplattenmann.de/artikel.html
Sprung zum Beginn der Seite

Suche im Archiv

Suche bei Amazon.de